2018

Oktober 2018

Nachtleuchten von María Cecilia Barbetta

Viele von uns haben sich ernsthaft bemüht, dieses Buch zu lesen, aber nur zwei von uns haben es zu Ende gelesen. Wir waren alle vom Schreibstil beeindruckt und fanden es faszinierend, dass sich die Autorin besser auf Deutsch ausdrücken kann und dabei eine gewisse Freiheit erfährt, wenn sie über ihr Heimatland schreibt. Das hat uns an andere Schriftsteller, wie zum Beispiel Jhumpa Lahiri erinnert, die lieber in einer Fremdsprache schreiben um eine gewisse Distanz zu bewahren. Lahiri schreibt lieber auf Italienisch statt auf Englisch oder in ihrer Muttersprache, Bengali, weil sie sich dann freier und tapferer fühlt. Und Barbetta empfindet das ihrer Aussage nach ähnlich. Da es in unserem Lesekreis auch fast keine Muttersprachler gibt, waren wir davon beeindruckt, wie gut Barbetta die deutsche Sprache beherrscht und haben viele neue Wörter bzw. Ausdrücke gelernt.

Die Idee über einfache Menschen zu schreiben, die in turbulenten und gefährlichen Zeiten gefangen sind, ist toll. Die Zeiten vor der “guerra sucia” in Argentinien sind der perfekte Schauplatz dafür, einen Blick auf die vielen Menschen zu werfen, die vom “schmutzigen Krieg” betroffen sind. Die Autorin beschreibt einen Vorort von Buenos Aires, Ballester, wo hauptsächlich Einwanderer leben und führt eine Person nach der anderen ein. Aber damit beginnt schon das erste Problem. Es sind viel zu viele Personen, von denen da erzählt wird und manche kommen nur ein oder zweimal vor und ab und an liegen 20 Kapitel dazwischen und man kann sich nicht mehr daran erinnern, in welchem Zusammenhang man den Namen schon einmal gelesen hat, oder wer was gesagt oder gemacht hat. Eine Namensliste am Anfang des Buches wäre vielleicht hilfreich gewesen!

Die Figur von Theresa spielt eine Hauptrolle. Als junges Mädchen wird sie von einer jungen freigeistigen Nonne inspiriert und hat den Einfall etwas Besonderes zu schaffen. Sie hat eine kleine Madonna-Statue, die während der Nacht leuchtet und bringt die Madonna als spirituelle Lichtquelle von einem Nachbarn zum anderen. Dies war eine geniale Idee der Autorin, einen Zusammenhang zwischen den unterschiedlichen Charakteren herzustellen. Man bekommt dadurch einen Eindruck vom Leben und den Menschen in diesem Vorort, als die Statue durch die Gegend wandert. Aber wie gesagt, es gibt einfach zu viele Charaktere, zu viele Nebenerzählungen, auch viel zu viele Seiten und viel zu viele Worte und viel zu viele Kapitel. Trotz aller Mühe war es wirklich schwierig sich zu konzentrieren und das Interesse wach zu halten.

Es gibt drei Teile und jeder Teil hat 33 Kapitel. 33 ist eine magische Zahl — Jesus und Evita lebten beide 33 Jahre. Diese kosmische Zahl ist wichtig, weil der Minister, der in Argentinien schliesslich an die Macht kommt, Anhänger von solchem Aberglauben ist. Zusätzlich fanden wir es problematisch, dass es in vielen Kapiteln überhaupt keine Handlung sondern nur Dialoge gibt und da die Mehrheit der Charaktere nicht ausführlich genug beschrieben wird, kennt man sie nicht genug um zu verstehen, warum sie sagen was sie behaupten oder wer sie in Wirklichkeit sind.

Und das ist eigentlich wirklich schade, da es so viele wunderbare Szenen und Charaktere gibt: Die Mädchen in der katholischen Schule und ihre Faszination mit der Nonne Maria und ihrer Vespa. Die Autowerkstatt, Autopia, und die Männer die sich oft unterhalten und die Probleme der Welt diskutieren. Der Friseur, Celio, seine Liebe zu seiner Mama und deren Liebe zu Eva Peron und den Ausbeutungen in diesem Zusammenhang. Man hat eine Vorahnung von den furchtbaren Zeiten, die bevorstehen. Besonders präsent ist die Idee vom “Verschwinden.” Die Nonne verschwindet. Der Sänger Tormenta verschwindet. Man spricht über das Bermuda-Dreieck.

Einige von uns finden den zweiten Teil am besten und weniger oberflächlich als die anderen zwei Teile. Das gesamte Werk war etwas zu distanziert für unseren Geschmack und wir hatten alle Probleme eine innere Verbindung mit den Charakteren herzustellen.

Der Stoff ist so wichtig, die Idee ist genial, aber die Ausführung etwas enttäuschend.

September 2018

Sechs Koffer von Maxim Biller

Die Meinungen zu diesem Buch über ein Gerücht, das in einer Familie von Generation zu Generation weiterlebt, waren sehr unterschiedlich. Einigen Mitgliedern hat das Buch echt gefallen, andere waren weniger begeistert und fanden es etwas verwirrend und wiederum andere hatten gemischte Gefühle. Interessant war dabei, dass es bei den verschiedenen Eindrücken nicht nur um den Inhalt, sondern auch um den Schreibstil ging. Bei einem Großteil der Diskussion ging es um die Frage, wer denn nun der Verräter war, ob es überhaupt einen Verräter gab (die Entscheidung, dass Tate hingerichtet wurde, könnte nichts mit einem Verrat, sondern mit der politischen Situation und seiner Unterstützung aus dem Ausland zu tun haben) und ob der Autor nicht einfach zeigen wollte, wie zerstörerisch das politische System war. Niemand traute dem Nächsten und dieses Misstrauen hatte extrem negative Auswirkungen auf alle persönlichen Beziehungen. Einige fanden es auch interessant, dass Antisemitismus kein großes Thema im Buch war obwohl es sich um die Geschichte einer russisch-jüdischen Familie handelt, und dass der Autor die schlechte Situation der Frauen in der Gesellschaft beschrieb.

Insgesamt gesehen waren alle froh, das Buch gelesen zu haben und da die Mehrheit das Buch genossen hat, würden wir es auch weiterempfehlen. Es ist leicht zu lesen und regt zum Nachdenken an. Besonders in unserer heutigen Zeit, wo viele nicht mehr verstehen, was so ein System im Menschen anrichten kann!!

Der Vogelgott von Susanne Röckel

Was für ein interessantes und ungewöhnliches Buch über den Mythos eines Vogelgottes! Allen, die es gelesen haben, hat es gefallen, aber nicht alle fanden jedes Kapitel gleich gut. Die Beschreibung der Familiensituation sowie der Perspektiven und Erfahrungen der einzelnen Geschwister sind wirkungsvoll und mit jedem Kapitel werden die Zusammenhänge klarer. Die drei Geschwister scheinen wegen einer Tat, die der Vater begangen hat, unter einem Fluch zu stehen und werden in ihren Leben auf unterschiedliche Weise verhängnisvoll mit dem Mythos des Vogelgottes konfrontiert. Sie haben eine Beziehung miteinander, aber keine wirklich enge und tiefe.

Der Leser bekommt zusätzlich Einblicke in Expeditionen in entlegenen Gegenden, in denen alles bedrohlich, gespenstisch und angsterregend wirkt. Die schreckenerregende Atmosphäre wird eindrucksvoll geschildert. Und das Thema Krieg wurde mehrmals angesprochen. Nicht nur der Krieg zwischen Mensch und Mensch, sondern auch der Krieg zwischen Mensch und Natur. Und wenn man das Buch zu Ende gelesen hat, beginnt das Nachdenken. Was genau wollte die Autorin dem Leser mitteilen? Geht es um den Zwiespalt zwischen Natur und Mensch? Geht es um Gehirnwäsche und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft. Ist es nur eine Fantasiegeschichte oder ist es ein gesellschaftskritischer Roman, und die „Vogelkultur“ eine Metapher für die Gefahren in der heutigen Gesellschaft? Ganz besonders in Anbetracht der Tatsache, dass es heute viele psychisch kranke Jugendliche gibt oder Kinder und Teenager mit Angstzuständen.

Und will die Autorin auf die Unfähigkeit der Journalisten hinweisen, die wirklichen Gründe für die Probleme der Kinder zu recherchieren, aufzudecken und darüber zu schreiben? Oder geht es um die Verwandlung der Menschen im Laufe der Zeit?  Es gibt keine eindeutige Antwort.  Die Interpretation ist ganz dem Leser überlassen.

Juli 2018

Der nasse Fisch von Volker Kutscher

Uns hat das Buch im Großen und Ganzen gut, teilweise sogar sehr gut gefallen, aber trotzdem gab es zum Inhalt unterschiedliche Meinungen. Ein Grund dafür ist, dass sich einige Mitglieder auch die Serie „Berlin Babylon“ angesehen haben und diese besser fanden als das Buch. Zwei Mitglieder haben sich allerdings nur die erste Episode angesehen und sofort entschieden, nicht weiterzuschauen, bis sie das Buch fertiggelesen hatten und sie haben das Buch sehr genossen, es äußerst spannend gefunden und im Grunde genommen nicht aus der Hand gelegt. Einige fanden den Anfang etwas mühsam, da so viele Informationen und Namen auf einmal eingeführt wurden. Manche fanden das Buch zu detailliert (manch einer wiederum liebte die Details:) und einige fanden das Buch bzw. bestimmte Teile etwas zu lang. Diejenigen, für die es zu lange war fanden, dass es manchmal schwierig war zu erkennen, was wichtig war und was nicht.

Aber alle, ohne Ausnahme, sind froh, dass wir es gelesen habe, denn wir mochten die Kombination von politisch-historischen Informationen und Kriminalroman, fanden die Beschreibung der sozialen Umstände, z.B. wie schwierig das Leben und das Überleben war, die politischen Zustände, die Perspektive der Polizei und die Gedanken von Kommissar Gereon Rath toll. Alle, die die Stadt Berlin besser kennen, liebten die Beschreibungen der Stadt, denn sie riefen schöne Erinnerungen hervor. Übrigens gibt es eine Webseite mit guten Informationen und Fotos dazu: http://www.gereonrath.de/

Der Unterschied zwischen der Fernsehserie und dem Buch wurde auch intensiv besprochen. Die Mitglieder, die die Serie gesehen haben, waren schlicht und einfach begeistert. Die Geschichte wurde raffiniert dargestellt und da Volker Kutscher dem Regisseur Tom Tykwer für die Serie freie Hand gelassen hat, wurden auch neue Charaktere eingeführt bzw. Personen und Themen, die im Roman nur eine Nebenrolle spielten, ins Zentrum gerückt. Die Geschichte ist kompliziert und wird im Buch linear erzählt, was in der Fernsehserie nicht der Fall ist und man muss wirklich genau aufpassen, um nichts zu verpassen. Aber sie ist hervorragend gemacht, stilistisch fantastisch und am Ende kommen alle Fäden zusammen.

Wir haben auch entdeckt, dass es eine illustrierte Comic-Ausgabe zu dem Buch mit Illustrationen von Arne Jysch gibt, und es gibt eine Rezension in der FAZ. Eine andere haben wir beim Treffen gelesen.

Mai 2018

Auferstehung der Toten von Wolf Haas

Das Buch haben alle zu Ende gelesen und es hat den meisten gefallen. Zwei Mitglieder hatten sich noch keine Meinung darüber gebildet, ob ihnen das Buch gefallen hat oder nicht. Auf alle Fälle fanden wir die Idee bezüglich des Schreibstils interessant. Eigentlich sollte man das Buch “hören”, denn viele Österreicher in kleinen Dörfern sprechen so. Auf youtube gibt es eine Hörspielfassung, allerdings nicht des gesamten Buches: https://www.youtube.com/watch?v=p0lysRilhO4

April 2018

Angst von Stefan Zweig

Das Buch hat im Grunde genommen allen gefallen, einige kritisierten allerdings gewisse Aspekte des Buches, aber fanden es wichtig, dass wir es gelesen haben. Die Gefühle der “Ehebrecherin” waren ausgezeichnet beschrieben und wir hatten eine sehr lange Diskussion über das Vorgehen des Ehemannes. Auch die Situation gut situierter Frauen in der damaligen Zeit wurde ausführlich besprochen.

März 2018

Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge von Rainer Maria Rilke

Es gab viele Neuigkeiten zu besprechen und wir haben auch sehr lange über das Buch gesprochen. Fast niemand hat es fertig gelesen, da es nicht leicht ist, aber ein Mitglied hat es geliebt und einige waren von Teilen beeindruckt. Es ist ein wichtiges literarisches Werk ist und deshalb ist es gut, dass wir es gelesen haben. Chris hat empfohlen, dass wir den Eintrag von Wikipedia lesen (https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Aufzeichnungen_des_Malte_Laurids_Brigge).

Februar 2018

Juden auf Wanderschaft von Joseph Roth

Wir hatten ein sehr nettes Treffen und eine ausgezeichnete Diskussion. Alle sind froh, dass wir das Buch gelesen haben, fanden es aber teilweise subjektiv und oberflächlich und hatten einige Fragen dazu, die der Autor nicht angesprochen hat.

Wir haben zur Erinnerung an die Beziehung zwischen Stefan Zweig und Joseph Roth einen Artikel über das Buch Ostende, welches wir vor einigen Monaten besprochen haben, gelesen. In diesem wird die Beziehung zwischen den beiden Schriftstellern beschrieben und auch dieses Buch von Roth erwähnt und indirekt angedeutet, dass Joseph Roth das Buch für Stefan Zweig bzw. Westjuden geschrieben hat.

Januar 2018

Goethe ruft an von John von Düffel

Es war eine kleine aber feine Runde und das herrliche Essen und die Gastfreundschaft von Don wurde von allen sehr genossen. Es gab auch eine sehr gute und interessante Diskussion. Einigen hat das Buch gut gefallen, anderen weniger gut. Aber alle waren von der Tiefe, dem Stil und dem Talent des Schriftstellers sehr beeindruckt. Allerdings waren die ersten zwei Kapitel etwas mühsam und das Ende nicht sehr befriedigend. Es war schön, eine Komödie zu lesen und viele von uns haben an einigen Stellen laut gelacht. Auf alle Fälle wollen wir wieder einmal ein Buch von John von Düffel lesen.