Freiheit von Angela Merkel

Wir besprechen dieses Buch am 8. Februar 2026 bei Rand.

Deutscher Literaturkreis in Washington DC

Wir besprechen dieses Buch am 8. Februar 2026 bei Rand.
Nach „Ein mögliches Leben“ war dies das zweite Buch von Hannes Köhler, das wir gelesen haben. Alle waren von Köhlers Schreibstil beeindruckt, und auch das Thema hat – bis auf eine Ausnahme – allen sehr gut gefallen. Es war ein Experiment des Autors, der wissen wollte, ob man eine Liebesgeschichte ohne Kitsch und Klischees erzählen kann. Und unserer Meinung nach ist ihm das ausgezeichnet gelungen.
Die Protagonisten des Romans „Zehn Bilder einer Liebe“, David und Luisa, begegnen sich nach einem ganz kurzen Intermezzo auf Milos – das mit einem Gespräch am Strand und einem Kuss endet – Jahre später zufällig wieder. Dieses Mal bleiben sie zusammen. Mit Ronya, der Tochter der um einige Jahre älteren Luisa, bilden sie eine Patchwork-Familie. David wächst immer mehr in die Vaterrolle hinein und äußert schließlich den Wunsch nach einem eigenen Kind. Doch gerade dieser Kinderwunsch wird zur Zerreißprobe.
Wir erhalten Einblick in die Gedanken und Empfindungen von David und Luisa. Es sind unterschiedliche Perspektiven, jedoch nie über dieselbe Situation – und gerade das hat uns besonders gefallen. Auch in diesem Buch zeigt sich wieder das große Einfühlungsvermögen des Autors, das es ihm ermöglicht, alle Figuren sehr vielschichtig darzustellen. Niemand ist nur gut oder nur schlecht, nichts ist nur schwarz oder weiß. Alle Charaktere sind komplex, menschlich und haben Tiefe.
Das Buch enthält viele eindrucksvolle Passagen, zum Beispiel diese:
„Bedingungslose Liebe. Mutterliebe. Sie glaubt nicht daran. Nicht bei Ronya, nicht bei David. Sie will das nicht. Und sie glaubt nicht, dass das eine schlechte Sache ist. Es ist nicht gesund. Liebe ohne Bedingungen, ohne Grenzen, ist eine Liebe, die auch Gewalt ertragen würde, Lieblosigkeit von der anderen Seite. Scheiß auf Romantik, die düstere, die schwere. Aufgeklärte Liebe, denkt sie, ist keine schwächere Liebe, Liebe, die jeden Tag oder jede Minute aufs Neue entscheidet, dass sie bleibt, ist am Ende viel mehr wert.“
Es hat uns gutgetan, ein solches Buch zu lesen, das trotz aller Herausforderungen ein gutes Ende hat – denn die Zeiten sind schwierig, bei uns in den USA ebenso wie in Europa und vielen anderen Regionen. Wir können das Buch uneingeschränkt empfehlen, und es wird sicherlich nicht das letzte Buch von Köhler sein, das wir gelesen haben.

Wir besprechen dieses Buch am 6. Dezember bei Susanne.
In dem Buch „Verbrechen“ erzählt der Autor Ferdinand von Schirach nach eigener Aussage wahre Geschichten. Uns allen hat dieses Werk sehr gefallen, da es einerseits leicht zu lesen ist, andererseits aber eine erstaunliche Tiefe entfaltet. Obwohl der Schreibstil sachlich und nüchtern wirkt, enthalten die Erzählungen zahlreiche Details, die einen emotional berühren, sodass das Leiden vieler Protagonisten geradezu spürbar wird. Besonders fasziniert hat uns jedoch die objektive Herangehensweise des Autors: Er überlässt es dem Leser, am Ende selbst zu entscheiden, wie er den Fall beurteilt – ob seine Sympathie eher dem Angeklagten und dem Opfer gilt, oder ausschließlich dem Opfer oder vielleicht sogar ausschließlich dem Angeklagten.
In der ersten Geschichte „Fähner“, die von einer extrem dysfunktionalen Ehe handelt, lässt Schirach durch seine präzise und zugleich ruhige Erzählweise schon früh die nahezu unausweichliche Konsequenz erahnen. In anderen Geschichten hingegen überrascht er mit unerwarteten Wendungen.
Enttäuschend war für diejenigen, die sich für die Hörbuchversion entschieden hatten, dass darin drei Geschichten ohne jede Erklärung ausgelassen wurden – ein Umstand, der uns erst in der Buchbesprechung auffiel.
Für uns war besonders interessant, dass Ferdinand von Schirach immer wieder kurze, aber dennoch ausreichende Informationen über das deutsche Rechtswesen einfließen lässt – insbesondere zum Ablauf von Prozessen. Darüber haben wir ausführlich diskutiert, denn während die Rechtsquelle im amerikanischen System die Common Laws sind, beruht das deutsche Recht auf einem kodifizierten, gesetzesorientierten System. Zudem gibt es in Deutschland Laienrichter, die sogenannten Schöffen, während ein klassisches Jury-System wie in den USA nicht existiert.
Auch über die einzelnen Geschichten haben wir intensiv debattiert, wobei jeder seine zwei Favoriten nannte. Die meisten Stimmen erhielten „Der Igel“, „Der Äthiopier“ und „Glück“. Aber auch „Der Dorn“ und „Tanatas Teeschale“ haben jeweils eine Stimme erhalten.
Wir können dieses Buch uneingeschränkt empfehlen – als Sommerlektüre war es geradezu ideal!

Wir besprechen dieses Buch am 13. September bei Alicia in Lewes.
Wir waren alle begeistert von Fatma Aydemirs Familien- und Gesellschaftsroman Dschinns. Die Migrationsgeschichte überzeugt nicht nur durch die Vielzahl an gesellschaftlich relevanten Themen, sondern auch durch ihre raffinierte Erzählstruktur: Sechs Perspektiven wechseln sich kapitelweise ab. Den Anfang und das Ende bilden die Eltern – Vater und Mutter –, die 1979 aus der Türkei nach Deutschland ausgewandert sind. Dazwischen kommen die vier Kinder zu Wort, deren jeweilige Auseinandersetzung mit Herkunft, Identität und Tradition sehr unterschiedlich ausfällt.
Besonders beeindruckt hat uns die älteste Tochter, die in ihren ersten Lebensjahren bei den Großeltern zurückbleiben musste und nie eine reguläre Schulbildung erhielt. Trotz widriger Umstände lässt sie sich nicht unterkriegen und geht ihren eigenen Weg. Sie erscheint als die stärkste und sympathischste Figur, da sie es schafft, aus dem „kulturellen Gefängnis“ auszubrechen, in dem ihre Mutter ein Leben lang gefangen bleibt.
Der Roman veranschaulicht eindringlich die oft quälende Ohnmacht verschiedener Generationen innerhalb einer unterprivilegierten türkischen Familie in der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Aydemir gewährt tiefe Einblicke in den inneren Konflikt der Kinder, die sich mit ihrer Identität auseinandersetzen müssen – erschwert durch eine familiäre Sprachlosigkeit, in der über Wichtiges oder Schmerzhaftes kaum gesprochen wird. Gleichzeitig sehen sie sich mit Diskriminierung und dem Balanceakt zwischen zwei Kulturen konfrontiert.
Thematisch bietet Dschinns eine beeindruckende Vielfalt: weibliche Selbstermächtigung, Rassismus, Diskriminierung, Klassismus und Sexualität werden sensibel und gekonnt miteinander verwoben. Der Roman ist ein vielschichtiges Porträt einer migrantischen Familie und zugleich ein Spiegel gesellschaftlicher Realitäten.
Auch die Hörbuchfassung wurde von den Zuhörenden sehr geschätzt: Die Leserin verleiht den unterschiedlichen Figuren mit variierenden Stimmen Tiefe und transportiert die Atmosphäre des Romans eindrucksvoll.
Dschinns ist ein eindrucksvolles, vielschichtiges Buch, das wir uneingeschränkt empfehlen können – und wir sind sicher, dass es nicht unser letzter Roman von Fatma Aydemir gewesen ist.

Wir besprechen dieses Buch am 8. Juni bei Rozi.
Wir alle fanden Lichtspiel von Daniel Kehlmann – die Geschichte über den beinahe vergessenen Filmregisseur G. W. Papst, der 1939 aus dem amerikanischen Exil zurückkehrte und sich mit den Nationalsozialisten arrangierte – äußerst spannend und interessant. Die Mehrheit von uns hat das Buch sogar geliebt:). Daniel Kehlmann ist ein Meister der Sprache und des Stils. Er versteht es meisterhaft, den Leser zum Schmunzeln zu bringen, wenn Situationen humorvoll sind, und ihn tief zu berühren, wenn die Szenen herzzerreißend werden. Besonders durch subtile Anmerkungen und scheinbar nebensächliche Situationen gelingt es ihm, die allgegenwärtige Angst im Dritten Reich eindrucksvoll einzufangen.
Das Buch enthält zahlreiche hervorragende Szenen, etwa die Begegnungen mit Joseph Goebbels, dem Propagandaminister, Treffen mit Leni Riefenstahl sowie Gespräche mit Greta Garbo und Louise Brooks. Auch der häufige Wechsel der Perspektiven macht die Erzählung besonders facettenreich.
Die sorgfältige Recherche wird spürbar: Viele Themen werden angesprochen, darunter die Gleichgültigkeit gegenüber NS-Zwangsarbeitern, die systematische Gehirnwäsche von Kindern und Jugendlichen, die alltäglichen Böswilligkeiten sowie die teuflischen Kompromisse, die notwendig waren, um im Hitler-Regime zu überleben.
Um all diese Themen anzusprechen, hat Kehlmann allerdings einige Charaktere frei erfunden. Dadurch fehlte es manchen Figuren an Tiefe – nur der Protagonist erhielt einen tieferen Einblick. Besonders deutlich wird, dass für den Protagonisten Kunst über allem stand, während alles andere nebensächlich war. Ein Satz bringt dies besonders treffend auf den Punkt:
„Die Zeiten sind immer seltsam. Kunst ist immer unpassend. Immer unnötig, wenn sie entsteht. Und später, wenn man zurückblickt, ist sie das Einzige, was wichtig war.“
In unserer Diskussion wurde auch angemerkt, dass jedes Kapitel wie eine eigenständige Kurzgeschichte wirkte und der Autor am Ende versuchte, alle Erzählstränge zusammenzuführen – was jedoch nicht ganz überzeugend gelang. Dieser Eindruck war besonders deutlich bei der Hörbuchversion spürbar.
Wir empfanden es als wichtig, dieses Buch gelesen zu haben – und gerade jetzt. Denn Lichtspiel regt dazu an, darüber nachzudenken, wie man selbst handeln würde, wenn man in einem solchen politischen System leben müsste oder überleben wollte. Vielleicht war dies der Grund, warum Kehlmann das Buch geschrieben hat – im Hinblick auf die aktuelle politische Situation in vielen Ländern Europas und in den USA.
Die englische Übersetzung wird in wenigen Wochen erscheinen. Vielleicht trägt sie dazu bei, ein tieferes Verständnis für das Grauen zu vermitteln, das hier oft subtil dargestellt wird – für die alltäglichen Bosheiten, denen viele während der NS-Zeit ausgesetzt waren, und für die ständige Angst, mit der so viele Menschen leben mussten. Und vielleicht regt das Buch auch dazu an, darüber nachzudenken, ob nicht ähnliche Mechanismen heute wieder zu erkennen sind.

Wir besprechen dieses Buch am 27. April bei Jessica.
“Zwischen Welten“ ist das zweite Buch von Juli Zeh, das wir gemeinsam gelesen haben. Während „Unterleuten“ bei allen Mitgliedern gut ankam, waren die Meinungen zu diesem Buch deutlich geteilt. Einige fanden es spannend und inhaltlich relevant, andere empfanden es als langatmig oder zu konstruiert.
Die beiden Protagonist*innen, Theresa – eine Bäuerin aus Brandenburg – und Stefan – ein Journalist aus Hamburg – kennen sich noch aus dem Studium. Nach einem zufälligen Wiedersehen nach zwanzig Jahren beginnt ein reger E-Mail- und WhatsApp-Austausch. Darin diskutieren sie über hochaktuelle politische und gesellschaftliche Themen, bei denen sie gegensätzlicher Meinung sind. Die Diskussionen eskalieren mitunter, da beide stark in ihren jeweiligen Positionen verankert sind.
Einige von uns fanden, dass die Figuren weniger wie echte Menschen wirken und eher als Repräsentanten politischer Lager – „links“ und „rechts“ – fungieren. Die Lebensumstände der beiden Charaktere werden zwar anschaulich beschrieben, doch oft gehen sie in ihrer digitalen Kommunikation kaum aufeinander ein. Sie reden aneinander vorbei, hören nicht wirklich zu, und vieles wird reflexhaft mit Empörung aufgenommen – unabhängig davon, ob es einen realistischen Hintergrund hat oder nicht.
Aufschlussreich fanden einige von uns die Schilderungen zur Agrarpolitik, zur Rolle der EU und zur Entwicklung Ostdeutschlands nach der Wiedervereinigung. In diesen Passagen liefert das Buch interessante Einblicke, die über den persönlichen Schlagabtausch der Figuren hinausgehen.
Inhaltlich wirkt das Buch wie eine Metapher – nicht nur für die gesellschaftliche Spaltung in Deutschland, sondern für viele Länder weltweit. Es zeigt auf, wie tief die Kluft zwischen politischen Lagern ist. Der Wille, die andere Seite zu verstehen, fehlt auf beiden Seiten. Ein Dialog scheint kaum mehr möglich.
Vielleicht wird dieses Buch in 50 Jahren als Zeitdokument von Bedeutung sein – ein Spiegel unserer Gegenwart, in der Meinungen unvereinbar erscheinen. Die einen fühlen sich nicht gehört (die Journalisten, die Intellektuellen), die anderen nicht gesehen (die Landwirte, die Unternehmer).
Vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Entwicklungen, insbesondere in den USA, fanden wir es bemerkenswert, dass wir gerade jetzt zu diesem Buch gegriffen haben. Es fängt die Zeit, in der wir leben, treffend ein – aber es bleibt fraglich, ob man als Leser wirklich etwas daraus lernt.
Auffällig für uns war, dass unsere Meinungen über dieses Buch, welches in Zusammenarbeit mit Simon Urban entstanden ist, die Meinungen der Kritiken gut widerspiegeln. Einige Kritiker waren begeistert („ein schlaues, satirisch-scharfes und sehr aktuelles Buch“, andere überhaupt nicht („eine eigentlich gute Idee scheitert krachend an der uninspirierten Umsetzung“).