
Wir besprechen dieses Buch am 22. November bei Gena.

Deutscher Literaturkreis in Washington DC

Wir besprechen dieses Buch am 22. November bei Gena.
Wir lieben Krimis und lesen jeden Sommer gemeinsam einen. Dieses Jahr haben wir uns für einen Krimi von Philipp Gurt entschieden, dem derzeit erfolgreichsten Schweizer Krimiautor. Seine letzten sechs Romane standen innerhalb von nur zwanzig Monaten jeweils unmittelbar nach Erscheinen auf Platz 1 der Schweizer Bestsellerliste – etwas, das vor ihm noch kein Autor geschafft hat.
„Die Tote im St. Moritzersee“, der zweite Fall der naturverbundenen Ermittlerin Corina Costa, hat uns ausnahmslos gut gefallen. Der Roman spielt im Engadin, und besonders die schönen Landschaftsbeschreibungen haben uns angesprochen. Man merkt deutlich, wie sehr der Autor mit Graubünden und seiner Landschaft verbunden ist.
Das Buch ist leicht zu lesen und gut verständlich. Die Mehrheit von uns empfand den ersten Teil allerdings als etwas langsam. Nach dem Fund der Leiche nimmt die Handlung jedoch deutlich an Fahrt auf, und dann geht alles sehr schnell. Einige fanden sogar, dass manche Erklärungen gegen Ende fast zu rasch präsentiert wurden.
Der Roman hat zwar nicht besonders viel Tiefe, und einige Entwicklungen erschienen uns nicht ganz glaubwürdig oder sogar etwas bizarr – zum Beispiel die Geschichte um die Anwältin. Das hat unseren Lesegenuss jedoch kaum beeinträchtigt, denn es gab auch viele sehr gelungene Stellen. Schon den Prolog fanden wir atmosphärisch dicht und beinahe poetisch. Auch die gesellschaftlichen und sozialen Unterschiede bringt Gurt gut zum Ausdruck.
Besonders gefreut hat uns das positive Ende. Gerade weil wir in schwierigen Zeiten leben, war es schön, einen Krimi zu lesen, der einen nicht mit einem düsteren Gefühl zurücklässt. Allerdings haben wir auch über die schreckliche Kindheit des Autors gesprochen und waren von seinen Erfahrungen sehr betroffen.
Für uns war „Die Tote vom St. Moritzersee“ eine perfekte Strandlektüre: spannend, unterhaltsam, unkompliziert zu lesen und durchaus ein Buch, das man in einem Zug verschlingen kann.

Wir besprechen dieses Buch am 3. Oktober bei Alicia in Lewes.
Wir fanden Nelio Biedermanns Roman Lázár sehr fesselnd und waren besonders von seinem Schreibstil beeindruckt. Die Geschichte zog uns von Anfang an in ihren Bann – man wollte immer weiterlesen und erfahren, wie es mit der Familie und den einzelnen Charakteren weitergeht.
Biedermann ließ sich von der Geschichte seiner eigenen Familie inspirieren, die Figuren sind jedoch weitgehend frei erfunden. Eine Ausnahme bildet die Flucht und Hinrichtung des Priesters Edmund Pontillier, die auf einem tatsächlichen Ereignis beruht. Die Geschichte beginnt um 1900 mit der Geburt von Lajos von Lázár, dem Spross einer ungarischen Adelsfamilie, und begleitet die Familie über mehrere Generationen durch die großen Umbrüche und Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Bis zur kommunistischen Machtübernahme nach dem Zweiten Weltkrieg lebt sie auf ihrem Anwesen, umgeben von einem Wald voller Geheimnisse und dunkler Rätsel. Auch nach der Enteignung bleibt dieser Ort ein zentraler Schauplatz der Familiengeschichte.
Besonders interessant fanden wir, wie die historischen Ereignisse mit der Familiengeschichte verwoben werden. Die Familie Lázár versucht, ihren Besitz, ihre gesellschaftliche Stellung und letztlich auch ihre Identität inmitten ständig wechselnder politischer Verhältnisse zu bewahren. Dabei geht es jedoch nicht nur um den Niedergang einer ungarischen Adelsfamilie. Wichtige Themen sind auch das Trauma, das von einer Generation an die nächste weitergegeben wird, sowie die Bedeutung von Vaterschaft.
Sehr eindrücklich fanden wir die mangelnde Intimität innerhalb der Familie und die Unfähigkeit der Menschen, über die wirklich wichtigen Dinge miteinander zu sprechen. Es gibt unzählige Geheimnisse, vieles wird verschwiegen oder verdrängt – und dieses Schweigen hat Konsequenzen. Auch die Klassenunterschiede vermittelt Biedermann immer wieder sehr geschickt, häufig durch Bilder und Metaphern, ohne sie ausdrücklich erklären zu müssen.
Interessant ist außerdem die Veränderung des Stils im Verlauf des Romans. Der erste Teil hat etwas Märchenhaftes und erinnert stellenweise an den magischen Realismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwindet diese Atmosphäre zunehmend. Die Welt wird nüchterner und härter, und auch der Erzählstil verändert sich. Wir hatten den Eindruck, dass Biedermann diesen Bruch ganz bewusst eingesetzt hat, um die Veränderungen der Zeit widerzuspiegeln. Viele Szenen sind sehr detailliert und anschaulich beschrieben, und es gelingt ihm besonders gut, Stimmungen und Atmosphären einzufangen.
Beeindruckt waren wir auch davon, wie kunstvoll Biedermann Zitate bekannter Schriftsteller und Dichter in den Roman integriert. Überhaupt waren wir manchmal fast erstaunt darüber, wie überzeugend ein noch so junger Autor die psychologischen Feinheiten seiner Figuren darstellen kann.
Unser Eindruck war allerdings, dass ihm die männlichen Charaktere insgesamt etwas besser gelungen sind als die weiblichen. Eine Ausnahme ist vielleicht Eva, die uns besonders gut gefallen hat. Sie ist eine aufmerksame Beobachterin, die über das Leben und die Menschen um sie herum nachdenkt und dadurch eine besondere Tiefe erhält.
Am Ende waren wir uns in einem Punkt alle einig: Wir hätten gerne weitergelesen. Wir fanden es schade, dass die Geschichte mit der Flucht endet, und hätten sehr gerne erfahren, wie sich das Leben der Familie danach weiterentwickelt.

Wir besprechen dieses Buch am 30. August bei Douglas.
Wir haben alle das Buch „Marzahn, Mon Amour“ von Katja Oskamp genossen, obwohl es sich nicht um ein großes literarisches Werk im klassischen Sinne handelt. Die Autorin beschreibt ihre eigenen Erfahrungen als Fußpflegerin in einem Studio im Marzahner Plattenbauviertel mit viel Herz, Mitgefühl und Humor. Dabei gelingt es ihr, die unterschiedlichen Charaktere ihrer überwiegend älteren Kundschaft lebendig und authentisch darzustellen. Besonders beeindruckt hat uns ihr großes Verständnis für die Menschen, denen sie begegnet. Sie beschreibt jede Person so, wie sie ist, und begegnet ihr dabei völlig urteilsfrei. Diese Haltung verleiht dem Buch eine besondere Wärme und Menschlichkeit.
Schön ist auch, dass die einzelnen Kapitel den Geschichten ganz gewöhnlicher Menschen gewidmet sind – Menschen, die sonst oft keine Stimme haben. Im Fußpflegestudio sitzen sie auf ihrem „pinken Thron“, erzählen aus ihrem Leben, und die Autorin beziehungsweise Fußpflegerin hört ihnen wirklich zu. Dadurch entstehen berührende und oft überraschende Einblicke in sehr unterschiedliche Lebenswege.
Auch das Verhältnis zu ihren Kolleginnen sagt viel über den Charakter der Autorin und ihr Einfühlungsvermögen aus. Darüber hinaus vermittelt das Buch interessante Eindrücke von der Geschichte dieses Berliner Stadtteils, des Plattenbaus sowie vom Leben in der DDR und den Veränderungen nach der Wende.
Dass das Werk ins Englische übersetzt wurde, überrascht nicht. Besonders bemerkenswert fanden wir jedoch die Geschichte seiner internationalen Erfolgsgeschichte: Die Übersetzung wurde mit dem Dublin Literary Award ausgezeichnet, und die Übersetzerin erhielt 25 Prozent des Preisgeldes – eine schöne Anerkennung ihrer Arbeit. Außerdem entstand auf Grundlage des Buches eine sechsteilige Fernsehserie für die ARD. Eines unserer Mitglieder hat sich die Verfilmung angesehen und berichtete, dass man dort teilweise andere Seiten einzelner Figuren kennenlernt als im Buch.
Die Autorin selbst hat die Hörbuchfassung vorgelesen. Einige Mitglieder unserer Gruppe entschieden sich für diese Version. Da sie keine ausgebildete Sprecherin ist, merkt man dies stellenweise. Interessant war jedoch zu beobachten, wie sich ihre Stimme veränderte, sobald sie Berliner Dialekt sprach: Dann klang sie deutlich direkter, schneller und lebendiger.
Insgesamt können wir „Marzahn, Mon Amour“ sehr empfehlen.

Wir besprechen dieses Buch am 7. Juni bei Chris M.
Herkunft ist ein Buch von Saša Stanišić, einem deutschsprachigen Autor, der in einem kleinen Ort in Bosnien geboren wurde, als das Land noch Teil Jugoslawiens war. Während des Jugoslawienkrieges floh er 1992 im Alter von 16 Jahren nach Deutschland.
Der Mehrheit von uns hat dieses Werk – eine Mischung aus Autobiografie und Roman – sehr gut gefallen. Stanišić greift eine Vielzahl von Themen auf, darunter Herkunft, Migration, Krieg, Fremdenfeindlichkeit, seine enge und liebevolle Beziehung zu seiner Großmutter sowie persönliche Erfahrungen des Ankommens und Aufwachsens in einem neuen Land.
Was viele als Stärke empfanden, wurde von einigen allerdings ein wenig kritischer gesehen: Zwei Mitglieder hätten sich gewünscht, dass bestimmte Themen noch vertieft worden wären. Auch der insgesamt positive, stellenweise ironische Ton – der besonders in der Hörversion deutlich wird – wurde diskutiert. Die nicht-chronologische Erzählweise stellte für einige eine Herausforderung dar.
Im Verlauf der Diskussion ergaben sich jedoch mögliche Erklärungen für diese Struktur und den gewählten Ton. Die Sprünge zwischen Erinnerungen an Bosnien – insbesondere an die Großmutter – und Erlebnissen in Deutschland, etwa in der Schule oder mit Freunden und anderen Geflüchteten (mit denen er sich regelmäßig an einer ARAL-Tankstelle traf), können als Spiegel oder sogar als Metapher für die fortschreitende Demenz der Großmutter gelesen werden. Ebenso liegt die Vermutung nahe, dass die fragmentarische Form Stanišićs eigenes Gefühl der Entwurzelung widerspiegelt – das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen und die damit verbundenen inneren Brüche.
Zugleich geht es in Herkunft nicht nur um die Lebensgeschichte des Autors, sondern um eine grundlegende Frage: Was bedeutet Herkunft eigentlich? Ist sie ein geografischer Ort, eine Zeit, die Familie, oder sind es Erwartungen und Zuschreibungen von außen?
Besonders hervorzuheben ist, dass es Stanišić gelingt, weder seine Kriegserfahrungen noch die Diskriminierung von Ausländern zu instrumentalisieren. Er vermeidet Klischees und bewahrt einen bemerkenswerten Optimismus sowie einen feinen Humor – eine Haltung, die auch in Interviews spürbar ist. Vielleicht hat ihm seine Jugend geholfen, die belastenden Erfahrungen zu verarbeiten. Gleichzeitig zeigt das Buch, dass es auch viele unterstützende und positive Begegnungen gab – etwa während der Flucht, in der Schule durch einen engagierten Lehrer oder durch eine Beamtin, die seinen Visaantrag bearbeitete.
Seine kritische Auseinandersetzung mit dem Krieg wurde auch 2019 deutlich, als er bei seiner Dankesrede zur Verleihung des Deutscher Buchpreis 2019 Peter Handke für dessen Haltung im Balkankonflikt kritisierte und ihm vorwarf, Kriegsverbrechen relativiert und die Wirklichkeit so verzerrt zu haben, „dass dort nur noch Lüge entsteht“.
Insgesamt ist Herkunft ein sehr lesenswertes Buch. Wer sich intensiver mit den historischen Hintergründen des Krieges auseinandersetzen möchte, wird im Buch Radio Sarajevo, das wir in einigen Monaten lesen werden, weitere Einblicke finden.

Wir besprechen dieses Buch am 3. Mai bei Chris Z.
Dies ist das erste Buch von Caroline Wahl, das wir gelesen haben, und es hat uns allen ausnahmslos sehr gut gefallen. Der Roman ist leicht zu lesen, und wir haben den klaren und einfühlsamen Schreibstil der Autorin sehr genossen. Wahl verwebt geschickt zwei traurige Erzählstränge miteinander: den Tod eines engen Freundes der Protagonistin Tilda in der Vergangenheit und den Alkoholismus der Mutter. Dennoch wirkt die Handlung nie konstruiert oder überraschend dramatisch – alles entwickelt sich organisch und glaubwürdig.
Besonders berührend ist die liebevolle Beziehung zwischen Tilda und ihrer deutlich jüngeren Halbschwester Ida. Tilda ist Mathematikstudentin, arbeitet nebenbei an der Supermarktkasse und übernimmt praktisch die Rolle einer Ersatzmutter, da die gemeinsame Mutter alkoholkrank ist. Verantwortungsbewusst und fürsorglich versucht Tilda alles, um Ida zu unterstützen und sie behutsam zu mehr Selbstständigkeit zu führen. Gleichzeitig träumt sie von einem freieren und besseren Leben und sorgt sich um ihre eigene Zukunft. Als hervorragende Studentin wird sie von ihrem Professor ermutigt, sich nach ihrem Studienabschluss mit seiner Unterstützung um eine Stelle in Berlin zu bewerben. Doch kann sie ihre Schwester allein bei der Mutter zurücklassen? Angesichts von deren Alkoholismus und wiederholten Selbstmordversuchen erscheint das äußerst riskant und stellt Tilda vor eine schwere Entscheidung.
Der zweite Erzählstrang entwickelt sich im Kern zu einer Liebesgeschichte. Tilda kommt Viktor, dem Bruder ihres bei einem Unfall verstorbenen Freundes, der bei diesem Unglück seine gesamte Familie verloren hat, näher. Beide unterstützen sich gegenseitig dabei, mit ihren schmerzhaften Erfahrungen umzugehen – vorsichtig, respektvoll und liebevoll. Für beide spielt das Schwimmen eine wichtige Rolle: Es hilft ihnen, ihre Enttäuschungen und Trauer zu verarbeiten und wirkt beinahe wie eine Form der Meditation.
Auch diejenigen in unserer Gruppe, die sich für die Hörbuchversion entschieden haben, waren sehr zufrieden. Ein Mitglied hatte im Herbst sogar die Verfilmung des Buches in Deutschland gesehen. Seiner Meinung nach ist das Buch zwar etwas besser als der Film, doch besonders die Szenen im Schwimmbad seien sehr eindrucksvoll umgesetzt worden.
Wir können dieses Buch nur empfehlen. Unser einziger Wunsch war, dass es etwas länger gewesen wäre – wir hätten gerne erfahren, wie die Geschichte weitergeht. Umso mehr hat es uns gefreut, am Ende des Buches in der Leseprobe zu entdecken, durch die klar wird, dass der nächste Roman der Autorin an diese Geschichte anknüpft. Diesen werden wir daher im nächsten Jahr sicher lesen.