Die Welt von gestern von Stefan Zweig

Das ist das vierte Buch, das wir von Stefan Zweig gelesen haben und auch dieses Mal wurden wir nicht enttäuscht. Dieses stilistisch brillante Epochenportrait hat uns allen sehr gut gefallen, obwohl es einigen von uns auffiel, dass Zweig nichts Privates geteilt hat, Frauen kaum erwähnt wurden,  und er das Leben in seiner Schicht und seine Juden beschreibt und die Ost-Juden nur mit einem Satz erwähnt

Stefan Zweigs Beobachtungsgabe ist beindruckend und es war wunderbar zu lesen, wie ehrfürchtig er von bestimmten bekannten Leuten sprach, sowie die Beschreibungen seiner Eindrücke von damals, von ausländischen Städten, von Wien und der Wiener Gesellschaft.  Er liebte die Kultur und war immer bereit, seinen Horizont zu erweitern. Einzelne Tatsachen waren faszinierend wie z.B. dass man damals ohne Pass ins Ausland reisen konnte oder Aussagen über seine eigene Arbeitsweise und die von Richard Strauss. 

Viele von uns hat der Inhalt tief aufgewühlt, denn die damalige Lügenpropaganda vor dem Zweiten Weltkrieg und die Diskriminierung gegen bestimmte Minderheitsgruppen erinnert an gewisse Situationen heute in unserem eigenen Land. Der Autor hat auch klar gezeigt, dass die Faschisten überall von Anfang an finanziell unterstützt wurden. Und es wird klar, dass die Vorstellungskraft der Mehrheit der Menschen nicht ausreichte, um die kommende Katastrophe nur annähernd zu begreifen. 

Zweig ist sehr einfühlsam und man spürt, dass er nicht wirklich politisch war und fähig war, die schwierige Situation seiner Freunde, die nicht Juden waren, zu verstehen. 

Es ist ein wahres Privileg zu lesen, wie er die Welt gesehen hat und man kann dieses Buch nur empfehlen. 

Buch des Monats

Die Welt von gestern von Stefan Zweig

Wir besprechen dieses Buch in zwei Teilen via Zoom: Am 21. Februar und am 28. März.

Die Verwirrungen des Zöglings Törleß von Robert Musil

Die Verwirrungen des Zöglings Törleß ist die ungewöhnliche, subtile Pubertätsstudie, in der der Autor Robert Musil seine Erfahrungen als Kadett einer k.u.k. österreichischen Militärerziehungsanstalt auswertete. Der Schreibstil ist wunderbar, allerdings ist der Inhalt sehr schwer zu verdauen.  Es war auch von der Sprache her manchmal schwierig; philosophischen Abhandlungen in einer Fremdsprache zu folgen ist nicht leicht. Ganz besonders für diejenigen, die sich für eines der Hörbücher entschieden haben. 
Wir fanden die Studie über Macht, Tyrannei und Opfer sowie über die Gedanken eines Mitläufers sehr interessant, insbesondere in Anbetracht der Geschehnisse vom 6. Januar in unserer Hauptstadt. Für einige von uns waren ein Teil der Beschreibungen unerträglich, den es ist unangenehm über sexuelle Hörigkeit, psychologische Demütigungen und Machtmissbrauch zu lesen und zu sprechen. Musil zeigt, wozu Menschen in der Lage sind, wenn sie nur die Möglichkeit und die Macht dazu haben. Das Thema von sexuellem Missbrauch und die daraus resultierenden traumatischen lebenslangen Folgen wurde ebenfalls. angeschnitten. 

Wir fanden es wichtig, ein Buch von Robert Musil zu lesen und einige Mitglieder fanden die Geschichte des Autors sehr interessant und sind froh, mehr über ihn und sein Leben erfahren zu haben. Das Buch ist gut geschrieben, aber wie gesagt, vom Thema und Inhalt her schwer zu verarbeiten. 

Bahnwärter Thiel von Gerhard Hauptmann

Bahnwärter Thiel von Gerhard Hauptmann zählt zu den bedeutendsten Werken des Naturalismus und wir fanden es an der Zeit, ein Buch von ihm zu lesen und mehr über den Naturalismus zu erfahren. Es gab unterschiedliche Meinungen über dieses wichtige Werk, hauptsächlich deswegen, weil die Geschichte ungemein deprimierend war. Alle stimmten zu, dass das Buch sehr gut geschrieben ist, man einen guten Einblick in das Arbeitermilieu bekommt und es sehr schöne Naturbeschreibungen gibt. Alle von uns ahnten schon früh, dass es zu einem schlimmen Ende kommen würde. Thiels Leben wird durch die Eisenbahn bestimmt, aber sein Leben wird auch immer mehr von der Grausamkeit seiner zweiten Frau und seiner eigenen Triebhaftigkeit beherrscht, die es ihm unmöglich macht, seinen Sohn aus erster Ehe zu beschützen.


Der innere Konflikt von Thiel zwischen dem geistigen Teil und dem animalischen Teil seines Wesens wird vom Autor brilliant dargestellt. Die Rolle von Mann und Frau zur damaligen Zeit wurde ebenfalls besprochen und sowie die Ausweglosigkeit der gesamten Situation. Auf nur 40 Seiten wird der psychische Zusammenbruch eines Menschen im nüchternen Ton beschrieben, und trotzdem bleibt kein Leser unberührt. Die Kürze dieser Novelle machte sie für viele von uns trotz des deprimierenden Inhalts erträglich, andere wiederum lasen das Werk mehrmals. 

Ab jetzt ist Ruhe von Marion Brasch

Dieser autobiographische Roman von Marion Brasch hat bis auf einem Mitglied allen gefallen. Allerdings haben einige von uns erst nach dem Ende des Lesens recherchiert, ob diese tragischen Familiengeschichte, die in der ehemaligen DDR spielt, auf Wahrheit beruht. 

Dieses Buch über eine privilegierte Familie in der DDR ist interessant und uns hat auch der Schreibstil gefallen. Vielen von uns vermittelte die Autorin – das jüngste von vier Kindern einer kommunistischen, jüdischen Familie und einzige Tochter – den Standpunkt einer Beobachterin, die mit einem neutralen, fast distanzierten Tonfall ihr Leben und die Auseinandersetzungen ihrer Brüder mit dem autoritären, dogmatischen Vater beschreibt. Dies kommt besonders bei der Hörfassung, für die sich vier Mitglieder entschieden haben, und die von der Autorin selbst gelesen wird, zum Vorschein. 
Sie beschreibt das politische Leben, die öden Parteiversammlungen, ihre eigenen Privilegien, die sie geniesst, da ihr linientreuer Vater eine hohe Stellung einnimmt. Aber dabei zeigt sie keine Selbstkritik und schneidet die schwierige Situation der nicht so privilegierten Bürger nicht an. Trotzdem fanden wir das interessant, denn damit bekommt man Einblick in das Leben einer Familie im Osten ohne Schwerpunkt auf die Politik und den Kalten Krieg. 

Denn trotzt aller Privilegen war das Leben von Marion Brasch unglaublich schwierig. Sie hat als Einzige überlebt und mit dem Buch Ihre Kindheit aufgearbeitet. Ihre Mutter war zutiefst unglücklich und ihre drei Brüder verweigern zwar schon als Jugendliche sich dem System unterzuordnen, haben allerdings viele Probleme, da sie das Land ja auch lieben, und neigen zur Sucht. Aus diesem Grund hatten wir Probleme mit den meisten Rezensionen, die den Anschein erweckten, dass die Rezensenten das Buch kritisierten, weil es nicht so geschrieben wurde, wie es ihrer Meinung nach hätte geschrieben werden sollen.

Marion Brasch hat sich teilweise untergeordnet und trotzdem – mit etwas Verspätung vielleicht – ihren Weg gefunden. Und das trotz all der Schicksalsschläge und Enttäuschungen, die sie erlebt hat. Sie hat versucht, ihren Vater nicht zu enttäuschen, der 1989 gestorben ist. Er konnte bis zum Ende nicht verstehen, warum Bürger das Land verlassen wollten. Der Verfall seiner Familie widerspiegelt den Zerfall der DDR. 

Ein Mitglied fand das Buch ausgesprochen langweilig, aber da es sich hier um eine wahre Geschichte handelt, die aus der Perspektive der einzigen überlebenden Person beschrieben wird, finden die meisten von uns dieses Buch lesenswert.

Schloß Gripsholm von Kurt Tucholsky

Es ist ja fast eine Schande, dass wir bis jetzt noch kein Buch von Kurt Tucholsky gelesen haben und wir sind sehr froh, dass wir uns diesen Monat für eines der Werke von diesem interessanten Schriftsteller entschieden haben. Einige von uns haben das Buch gelesen, andere haben sich für die Hörversion mit Sven Görtz entschieden. Allerdings war das Schwäbische nicht leicht zu verstehen!!  Trotzdem haben die meisten diese teilweise witzige und geistreiche Romanze gern gelesen. Es gab wunderbare Beschreibungen der Landschaften und Beziehungen. Wir fanden den ironischen Ton, die Neckereien und den Humor  – der ja unter Deutschen nicht so oft zu finden ist – wunderbar. Schon der Dialog mit dem Verleger am Anfang des Werkes war ein Genuss! 
Die Liebesgeschichte war zwar aus der Sicht eines Mannes geschrieben, aber das hat nicht gestört. Für uns war es auch schön etwas über die Lebensart zu jener Zeit zu lesen und ein Amerikaner kann von so einem erholsamen, schönen und wirklich langem Urlaub nur träumen. 
Natürlich hat Tucholsky, der einer der bedeutendsten Gesellschaftskritiker in der Weimarer Zeit war, auch ernstere Themen in die Geschichte integriert. Er hat dafür eine Parallelgeschichte benutzt, in der es um ein Kind namens Ada geht. „Das Kind“ oder „der Gegenstand“ ist der Machtbesessenheit der Leiterin des Kinderheims hilflos ausgeliefert ist. Tucholsky hat die Figur dieser Leiterin, Frau Adriani, mit Charakterzügen ausgestattet, die er von seiner eigenen Mutter kannte.
Tucholsky Werke sind auch heute noch aktuell und sollten wieder entdeckt werden!