2021

April 2021

Das Päckchen von Franz Hohler

Dieses Buch hat uns allen ausnahmslos gefallen und es machte richtig Spaß es zu lesen. Es war leicht zu lesen, obwohl es auf sprachlich hohem Niveau erzählt wird. Es ist zwar kein großes Literaturwerk, aber es gab viele interessante Informationen darin und somit haben wir alle etwas über das älteste deutschsprachige Buch „Abrogans“, über das mittelalterliche Klosterleben, über die Macht und den Einfluss auf das Klosterleben, aber auch auf das Leben der Bürger, über den Handel und das Reisen im Mittelalter und das begrenzte Leben im Allgemeinen gelernt.

Die Geschichte wird in zwei Handlungssträngen erzählt, die einander abwechseln. Und obwohl die beiden Handlungsstränge in verschiedenen Zeiten spielen, gibt es gewisse Überschneidungen. Ernst, der nach der Herkunft einer alten Handschrift forscht, die ihm unter eigenartigen Umständen zugekommen ist und Haimo, der mit der Entstehung dieser Handschrift zu tun hat, haben Partnerinnen, und beide Paare schlafen getrennt, aber aus ganz anderen Gründen. Haimo und Maria verlieren ihr Kind, während Ernsts Frau Jacqueline am Ende des Buches endlich schwanger wird.

Obwohl alle das Buch genossen haben, gab es einige Kritikpunkte. Die ersten Kapitel waren ausgezeichnet und detailliert, aber danach ist alles fast zu rasch weitergegangen. Der zweite Handlungsstrang hätte vielleicht früher eingeführt werden können.

Der Kern der Geschichte war das Überleben der Liebe und der Kunst in den Wirren der Zeit und das hat der Autor wunderbar zum Ausdruck gebracht.

Eines unserer Mitglieder hat dieses Buch zufällig in St. Gallen entdeckt und mit Begeisterung, die wir schlussendlich alle mit ihm teilen, vorgeschlagen. Falls es jemals eine englische Übersetzung gibt, werden wir diese sicher weiterempfehlen.

Wir haben uns auch einen kurzen Videoclip, in dem der Autor eine Einladung bekommt, den richtigen Abrogans in der wunderschönen Stiftsbibliothek St. Gallen zu bestaunen:

https://www.youtube.com/watch?v=NW8tz-Nw6P0

und ein Video über Buchmalerei angesehen:

https://youtu.be/6q2zd2ImJBY

Februar/März 2021

Die Welt von gestern von Stefan Zweig

Das ist das vierte Buch, das wir von Stefan Zweig gelesen haben und auch dieses Mal wurden wir nicht enttäuscht. Dieses stilistisch brillante Epochenportrait hat uns allen sehr gut gefallen, obwohl es einigen von uns auffiel, dass Zweig nichts Privates geteilt hat, Frauen kaum erwähnt wurden,  und er das Leben in seiner Schicht und seine Juden beschreibt und die Ost-Juden nur mit einem Satz erwähnt

Stefan Zweigs Beobachtungsgabe ist beindruckend und es war wunderbar zu lesen, wie ehrfürchtig er von bestimmten bekannten Leuten sprach, sowie die Beschreibungen seiner Eindrücke von damals, von ausländischen Städten, von Wien und der Wiener Gesellschaft.  Er liebte die Kultur und war immer bereit, seinen Horizont zu erweitern. Einzelne Tatsachen waren faszinierend wie z.B. dass man damals ohne Pass ins Ausland reisen konnte oder Aussagen über seine eigene Arbeitsweise und die von Richard Strauss. 

Viele von uns hat der Inhalt tief aufgewühlt, denn die damalige Lügenpropaganda und die Diskriminierung gegen bestimmte Minderheitsgruppen erinnert an gewisse Situationen heute in unserem eigenen Land. Der Autor hat auch klar gezeigt, dass die Faschisten überall von Anfang an finanziell unterstützt wurden. Und es wird klar, dass die Vorstellungskraft der Mehrheit der Menschen nicht ausreichte, um die kommende Katastrophe nur annähernd zu begreifen. 

Zweig ist sehr einfühlsam und man spürt, dass er nicht wirklich politisch war und fähig war, die schwierige Situation seiner Freunde, die nicht Juden waren, zu verstehen. 

Es ist ein wahres Privileg zu lesen, wie er die Welt gesehen hat und man kann dieses Buch nur empfehlen. 

Januar 2021

Die Verwirrungen des Zöglings Törleß ist die ungewöhnliche, subtile Pubertätsstudie, in der der Autor Robert Musil seine Erfahrungen als Kadett einer k.u.k. österreichischen Militärerziehungsanstalt auswertete. Der Schreibstil ist wunderbar, allerdings ist der Inhalt sehr schwer zu verdauen.  Es war auch von der Sprache her manchmal schwierig; philosophischen Abhandlungen in einer Fremdsprache zu folgen ist nicht leicht. Ganz besonders für diejenigen, die sich für eines der Hörbücher entschieden haben. 
Wir fanden die Studie über Macht, Tyrannei und Opfer sowie über die Gedanken eines Mitläufers sehr interessant, insbesondere in Anbetracht der Geschehnisse vom 6. Januar in unserer Hauptstadt. Für einige von uns waren ein Teil der Beschreibungen unerträglich, den es ist unangenehm über sexuelle Hörigkeit, psychologische Demütigungen und Machtmissbrauch zu lesen und zu sprechen. Musil zeigt, wozu Menschen in der Lage sind, wenn sie nur die Möglichkeit und die Macht dazu haben. Das Thema von sexuellem Missbrauch und die daraus resultierenden traumatischen lebenslangen Folgen wurde ebenfalls. angeschnitten. 

Wir fanden es wichtig, ein Buch von Robert Musil zu lesen und einige Mitglieder fanden die Geschichte des Autors sehr interessant und sind froh, mehr über ihn und sein Leben erfahren zu haben. Das Buch ist gut geschrieben, aber wie gesagt, vom Thema und Inhalt her schwer zu verarbeiten.