2019

März 2019

Faserland von Christian Kracht

Das Buch haben alle zu Ende gelesen, denn es war leicht und schnell zu lesen. Allerdings war der Inhalt weniger “leicht”. Im Gegenteil, der Inhalt war traurig, deprimierend; manche von uns fanden ihn etwas übertrieben.
 
Dem Autor ist es gut gelungen, die Beziehungsunfähigkeit, die innere Leere der Reichen, deren exzessiven Alkohol- und Drogenkonsum, die Dekadenz der höheren Gesellschaft insgesamt, sowie die Klassenunterschiede und die Oberflächlichkeit der materiellen Gesellschaft zu beschreiben. Der Protagonist, dessen Namen wir nie erfahren, der quer durch Deutschland reist, alte Freunde trifft, mit denen ihn scheinbar nichts wirklich verbindet, und nuancierte und teilweise sogar tiefsinnige Beobachtungen wiedergibt scheint sich auf einer Art Sinnessuche zu befinden, ist aber erfolglos, da er im Grunde genommen willenlos ist. Weder er noch seine Freunde sind sympathisch und scheinen lebensunfähig. Am Ende des Buches findet man auch noch Zusammenhänge mit Thomas Mann.
 
Wir sind alle froh, dieses Buch gelesen zu haben und möchten auf alle Fälle noch ein Buch von Christian Kracht lesen. Es war auch interessant, mehr über den Autor zu erfahren und einige Rezensionen zu lesen, da es unterschiedliche Meinungen zu diesem Buch gibt.

Februar 2019

Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen von Heinrich Mann

Einige von uns kannten dieses Buch von früher oder haben den Film “Der blaue Engel” mit Marlene Dietrich und Emil Janninas gesehen. Obwohl das Buch keine totale Begeisterung ausgelöst hat, hat es allen bis auf eine Ausnahme sehr gut gefallen. Allerdings war der Anfang etwas schwierig und das Plattdeutsch war eine Herausforderung für alle. Tja, sogar “Herr Unrat” hat Probleme damit:). Diejenigen, die das Buch auf Kindle gelesen haben, fanden die Einbindung des Offline-Wörterbuches extrem hilfreich, denn es gab viel nachzuschlagen.
 
Die Diskussion war sehr interessant, denn fast jedes Mitglied fand eine andere Perspektive der Geschichte faszinierend. Für manche war das Thema von Sitte und Moral aufschlussreich, für andere das Verhältnis zwischen Professor Rat und Rosa Fröhlich. Natürlich wurden alle Charaktere ausführlich besprochen, denn wir alle kennen Tyrannen, die Leute unterdrücken, aber auch Leute wie Lohmann, der sich gerne mit Poesie und Literatur beschäftigt und unglücklich verliebt ist. Aber Lohmanns’ Intelligenz wird von Professor überhaupt nicht gefördert. Im Gegenteil, weil er voller Hass und Misstrauen ist, stellt er seine Schüler lieber bloß und unterdrückt sie. Einige fragten sich, wie sich Professor Rat zu so einem unsympathischen und im Endeffekt aber Mitleid erregenden Charakter entwickeln konnte. Auch die Klassenunterschiede und die heuchlerische Moral der Gesellschaft wurden besprochen, so wie das Thema der “gesellschaftlichen Normen und Regeln’, die unbedingt eingehalten werden müssen, Die Entwicklung der Charaktere war beeindruckend und auch die Beschreibung, wie Prof. Unrat Rosa als Instrument seines Hasses verwendet wird und Rosa Fröhlich dabei bewusst mitmacht. 
 
Heinrich Manns berühmtes Werk ist eine Satire und kritisiert die bürgerliche Scheinmoral und die autoritären Strukturen des deutschen wilhelminisches Kaiserreiches. Trotz allem ist dieses Buch heute noch aktuell, denn es gibt auch jetzt noch zahlreiche Tyrannen, die leider noch mehr Macht besitzen.
 
Der Roman und der Film “Der Blaue Engel” weichen inhaltlich voneinander ab, aber letztendlich wurde das Buch durch den Film so berühmt.
 
Am Ende des Treffens haben wir uns auch noch mit der Beziehung zwischen Thomas und Heinrich Mann beschäftigt, die von viel Zuneigung und Konflikt geprägt war.

Januar 2019

Alte Meister von Thomas Bernhard

Außer zwei Mitgliedern hat das Buch allen gefallen, aber alle ohne Ausnahme sind froh, das Buch gelesen zu haben. Auch “Alte Meister” – wie alle Bücher von Bernhard – ist von Wiederholungen, Hasstiraden und Klagen durchtränkt, aber es ist doch eine Komödie und wir alle haben an einigen Stellen laut gelacht, ab und an aber doch vielleicht mit etwas Unbehagen. Und für viele von uns ist der Schreibstil doch kreativ. Das Buch ist raffiniert aufgebaut, denn es geht ja um ein einziges Treffen, bei dem wir nach und nach Vieles erfahren und das mit einer Einladung zu dem Theaterstück “Der Zerbrochene Krug” endet. 
 
Reger, der Hauptcharakter des Romans, der jeden zweiten Tag im (fiktiven) Bordone-Saal im Kunsthistorischen Museum in Wien gegenüber von Tintorettos  “Weissbärtigem Mann” sitzt, hasst alles: das Lesen; das Singen; das Spazierengehen; den Petersdom in Rom; die Bewunderung, die viele Menschen für alte Meister empfinden und alles Festliche, ja sogar die Sonne! Besonders aber hasst er die Österreicher und da vor allem die Wiener. Und er kritisiert die Regierung. Gemeint ist Österreich, aber man denkt an die Gegenwart, wenn man liest: “Jeden Tag empfinden wir doch, wenn wir denken, nichts anderes als daß wir von einer vorheuchelten und verlogenen und gemeinen Regierung regiert werden, die dazu auch noch die dümmste Regierung ist, die man sich vorstellen kann, . . . und wir denken, daß wir nichts ändern können, das ist ja das Fürchterliche, daß wir daran nichts ändern können, daß wir ganz ohnmächtig zuschauen müssen, wie diese Regierung mit jedem Tag immer noch verlogener und verheuchelter und gemeiner und niedriger wird. . .
 
Ein Mitglied fand das Buch genial, hat die Verbindung mit Schopenhauer im Zusammenhang mit Subjekt des Erkennens und Objekt besonders interessant gefunden, denn oft wurde erst am Ende eines Absatzes klar, wer nun gesprochen hat, Reger oder der Erzähler Atzbacher. 
 
Bei Bernhard erwartet man natürlich kein Happy End, aber am Ende wird der Leser doch etwas überrascht. Reger hat seine Frau, die grosse Liebe seines Lebens, im Bordone-Saal kennengelernt und diese Liebe hat ihn “gerettet.” Man fragt sich allerdings, ob diese Beziehung für seine Frau einfach gewesen ist. Am Ende des Romans gesteht Reger/Bernhard, dass seine Mitmenschen doch wichtig im Leben sind. “Wir hassen die Menschen und wollen doch mit ihnen zusammensein, weil wir mit den Menschen und unter ihnen eine Chance haben, weiterzuleben und nicht verrückt zu werden.“ Andrerseits ist Reger ein Beispiel für Menschen, die über ein großes Wissen verfügen, aber wenig Verstand haben. Denn es reicht nicht aus, unabhängig zu denken und einen guten Zersetzungsmechanismus zu besizten, denn im Endeffekt vernichtet das nur alles Gute und Schöne im Leben.
 
Das Buch ist faszinierend und erinnert uns daran, dass wir die Kunst und die Gesellschaft kritischer betrachten (auch Alte Meister!) und für uns selbst bestimmen sollten, was wirklich etwas wert, anstatt blind zu akzeptieren, was die Gesellschaft davon hält. Das genial gezeichnete Graphic Novel mit Zeichnungen von Nicholas Mahler ist auch zu empfehlen.