November/Dezember 2023
Bella Germanie von Daniel Speck
Bella Germania ist eine deutsch-italienische Familiengeschichte in drei Generationen und obwohl das Buch über 700 Seiten hat, haben wir uns entschieden es zu lesen und keiner von uns hat es bereut. Allen, ohne Ausnahme, hat dieser Roman sehr gut gefallen. Er war leicht zu lesen, wir mochten die Charaktere und auch den Schreibstil. Allerdings musste man genau aufpassen, denn die Geschichte fängt mit der Modedesignerin Julia 2014 in München an, die plötzlich von einem Mann kontaktiert wird , der behauptet, dass er ihr Großvater sei. Dann findet sich der Leser im Jahre 1954, wo der junge Vincent von München nach Mailand fährt, um dort für seine Firma zu arbeiten und sich in die junge Giulietta, die aus Sizilien stammt, verliebt. Diese ist jedoch einem anderen versprochen. Aber die Wechsel der Zeiten hat der Autor gut ausgesucht und damit für Spannung gesorgt. Viele von uns konnten das Buch nicht aus der Hand legen, denn man wollte immer wissen, was als Nächstes passiert.
Die Handlung des Buches ist spannend, die Hauptcharaktere sind gut ausgearbeitet, aber auch viele Nebenfiguren sind lebendig und bleiben unvergesslich. Es gibt sehr viele historische und sozio-politische Hintergründe, die eine wichtige Rolle in diesem Roman spielen, was uns sehr fasziniert hat und viele von uns haben zahlreiche Angaben auf dem Internet überprüft und so viel dazu gelernt. Die Deutschen, die Italien als Tourismusdestination lieben, waren den ankommenden italienischen Gastarbeitern in den 1950-er Jahren und auch später weniger freundlich zugeneigt. Man bekommt einen guten Einblick, wie schwierig das Leben für diese Zuwanderer war. Wie wichtig die Familie und Tradition für Italiener ist und wie chauvinistisch die Männer sind wird ebenfalls klar dargestellt.
Wir haben dieses Buch in zwei Teilen gelesen und besprochen und viele Einzelheiten haben uns zum Nachdenken gebracht. Die einzige Kritik war, dass der Schluss ein bisschen überhastet wirkt – als ob der Autor alle Fäden des Romans in nur ein paar Seiten zusammenbringen wollte.
Zwei Mitglieder haben auch die dreiteilige Fernsehserie gesehen und fanden sie gut. Allerdings waren sie der Meinung, dass der Film oberflächlicher als das Buch ist und einige tiefgreifende Einzelheiten bei der Verfilmung verloren gegangen sind.
Wir haben nicht nur das Buch besprochen und Rezensionen gelesen, sondern auch einen langen Artikel über italienische Zuwanderer gelesen. Wir können das Buch nur empfehlen!! Es ist absolut lesenswert und wir sind schon auf das nächste Buch von diesem Autor neugierig.
September 2023
Der Junge muss mal an die frische Luft von Hape Kerkeling
In diesem Roman erzählt der Autor, einer der bekanntesten deutschen Entertainer, aus seinem Leben, vor allem aus seiner Kindheit. Einige von uns haben vor einigen Jahren den Film in Washington D.C. gesehen und wollten auch das Buch lesen. Wir wurden nicht enttäuscht. Alle haben das Buch geliebt und besonders begeistert waren diejenigen, die sich für die Hörversion entschieden haben, denn die wurde vom Autor selbst vorgelesen und er verwendete für die Familienmitglieder unterschiedliche Stimmen – höchstwahrscheinlich ahmte er alle nach!
Wir mochten den Schreibstil und Hape Kerkelings Aufrichtigkeit. Wir haben beim Lesen gelächelt, laut gelacht und die meisten auch geweint. Wir bekamen aber nicht nur einen Einblick in Hapes leben, sondern auch in das Leben der älteren Generation und deren Kriegserlebnisse. Besonders schön beschrieben wurden seine Beziehungen zu seinen beiden Großmüttern, die ihm nicht nur sehr viel bedeuteten, sondern ihm auch auf seinem Lebensweg halfen. Die Mutter seiner Mutter, in deren Tante-Emma-Laden er so viele Lebensgeschichten hörte, die er spannend fand, die Mutter seines Vaters, die nach dem Tod seiner Mutter zu ihm gezogen ist.
Indirekt wird klar, dass Philosophie und spirituelle Texte den Autor dabei unterstützt haben, mit dem tragischen Selbstmord seiner Mutter als er erst 8 Jahre alt war und den damit verbundenen Eindrücken fertig zu werden, was für uns alle vollkommen verständlich ist. Dies und seine erfolgreiche Karriere haben ihm wahrscheinlich geholfen, seinem Schicksal zu vertrauen und optimistisch zu bleiben. Aus diesem Grund war es uns unverständlich, in einigen (wenigen) Rezensionen vom Selbstlob des Autors oder überschwänglicher Spiritualität zu lesen. Jeder, der ein schwieriges Schicksal durchgemacht hat und daran gearbeitet hat, damit zu leben und positiv zu bleiben, würde das wahrscheinlich nicht sagen.
Einige haben erwähnt, dass sie das allerletzte Kapitel nicht notwendig fanden und Informationen über den Bruder oder Vater vermissten. Aber es geht in diesem Buch ja darum, wie Hape seine eigene Kindheit aufgrund von Erinnerungen, Geschichten und Eindrücken schildert und was für ihn wichtig war.
Wir können dieses Buch nur empfehlen, vor allem die Hörversion!
Juli 2023
Kalmann von Joachim B. Schmidt
ir lesen jedes Jahr im Sommer einen Krimi und da uns Joachim B. Schmidt’s Buch “Tell” so gut gefallen hat, haben wir uns für “Kalmann” von ihm entschieden – ein Volltreffer! Die meisten von uns haben das Buch “heiß geliebt” (es gab eine Umfrage:). Wir fanden viele Aspekte dieses Buches bemerkenswert. Im Vordergrund steht der Sonderling Kalmann, der Polarfuchsjäger und selbst ernannte Sheriff eines kleinen Dorfes im Nordosten Islands. Kalmann hat viele von uns an Forrest Gump erinnert, allerdings mit dem Unterschied, dass Kalmann zu Gewaltausbrüchen neigt, die allerdings meistens gegen ihn selbst gerichtet sind.
Der Autor stellt diesen Protagonisten langsam vor, immer wieder integriert er neue Informationen über ihn. Es ist wie ein Puzzle, bei dem sich langsam, Stück für Stück, das Bild entfaltet. Er beschreibt mit sehr viel Mitgefühl, wie Kalmann mit den Hänseleien und schmerzhaften Kindheitserfahrungen zurechtgekommen ist. Aber jetzt, als Erwachsener, ist alles ganz anders, denn er wird von den Mitbewohnern akzeptiert, ist in die Dorfgemeinschaft integriert und fühlt sich meistens wohl.
Auch die Beziehungen fanden wir alle interessant; das Verhältnis mit Kalmanns Mutter, deren Leben so schwierig ist und für die es nicht leicht gewesen sein kann, ihn großzuziehen. Die Beziehung mit seinem Vater, der in Amerika lebt und besonders die mit seinem Großvater, der ihn immer liebevoll behandelt und Kalmann Selbstvertrauen gegeben hat. Jetzt lebt dieser in einem Seniorenheim und die regelmäßigen Besuche seines Enkels machen das innige Verhältnis der beiden spürbar. Wir fanden auch Kalmann’s Beziehung mit Noi, einem nerdigen Hacker aufschlussreich, denn man versteht durch diesen Charakter, dass das Internet eine Plattform für Menschen ist, die keine Freunde haben oder aus anderen Gründen ans Haus gebunden sind.
Das gut recherchierte Alltagsleben am kalten Ende der Welt inklusive Fischfangquoten wir gut geschildert. All das macht die Handlung des Krimis fast zur Nebensache. Ein Hotelier wird vermisst und eine Blutlache wird im Schnee entdeckt. Ist Kalmann irgendwie in diese Geschichte verwickelt und wenn ja, wie?
Das herauszufinden können wir nur empfehlen! Das ist sicher nicht das letzte Buch, das wir von Joachim B. Schmidt lesen werden. Sein Leben und seine Charaktere sind interessant und ungewöhnlich.
Juni 2023
Die Hauptstadt von Robert Menasse
“Die Hauptstadt” von Robert Menasse ist der erste Roman über die Europäische Union und es geht darin um europäische Intrigen, Machtmenschen, das europäische Auschwitz-Trauma und auch eine Liebesgeschichte.
Wir waren allen von diesem Buch begeistert und von dem Talent des Autors zutiefst beeindruckt. Die Handlung spinnt sich um die Organisation einer Feier zum 50. Jubiläum der Europäischen Kommission. Robert Menasse schein nicht nur ein versierter Kenner der Strukturen der Europäischen Union zu sein, sondern besitzt auch die Fähigkeit, die Hauptfiguren meisterhaft zu entwickeln und die Handlung und ein komplexes Figurenensemble miteinander in Beziehung zu bringen. Es geht in dem Roman um Geschichte und Gegenwart, Tragik und Komik, Hoffnung und Scheitern und auch um Bürokratie, die Menasse aber als menschlich erscheinen lässt. Er hat mit viel Witz und Ironie auch bravourös langweilige Details interessant gemacht. Menasse hat viel Sinn für Humor!
Alfred Hitchcock prägte den Ausdruck „McGuffin“ für Objekte oder Personen, die Handlungen auslösen oder vorantreiben, ohne während der Handlung selbst von besonderem Nutzen zu sein. Wir haben an diesen Ausdruck gedacht, da die Handlung auch gekonnt mit einem ab und zu in Brüssel auftauchenden Schwein verbunden ist, das einmal ein komisches, ein anderes Mal ein verstörendes, aber immer ein irgendwie symbolisches Ereignis ist.
Weil so viele Charaktere eine Rolle spielen, waren die ersten Seiten etwas schwierig. Aus diesem Grund war auch die Hörversion eine Herausforderung. Allerdings fanden diejenigen, die sich für das Hörbuch entschieden haben, dass der Vorleser sehr engagiert klang. Trotzdem war der Roman ein Genuss.
Einige von uns waren von dem Auschwitz-Überlebenden David De Vriend berührt, der seinem letzten Lebensabschnitt in einem Altersheim verbringt und von der Pflegerin Josephine mit ihrer Verhaltensweise fast dehumanisiert wird.
Ein bemerkenswertes Buch dieses politischen Romanciers, das wir nur empfehlen können.
April 2023
Apostoloff von Sibylle Lewitscharoff
In diesem Roman lassen sich eine Ich-Erzählerin aus Stuttgart und ihre Schwester von einem Mann namens Apostoloff durch das Heimatland ihres Vaters kutschieren, der ihnen die Schätze seiner Heimat zeigen möchte. Zu dieser Fahrt kommt es weil Urnen von 19 verstorbenen Exil-Bulgaren aus Stuttgart nach Sofia überführt werden sollen. Diese Idee fanden wir alle brillant. Auch einige andere Aspekte dieses Romanes sind interessant und es gibt viele sarkastische und humorvolle Stellen, denn die Ich-Erzählerin spuckt Gift und Galle. Der Stil ist zwar poetisch und die Autorin schreibt auf einem hohen sprachlichen Niveau, was viele von uns schätzen, aber einige Teile waren schwierig zu verstehen.
Das Buch war gleichzeitig eine Art Reisebericht, eine Familiengeschichte mit Fokus auf enttäuschte Vaterliebe, und eine Abrechnung mit der der kommunistischen Diktatur, die sich verheerend auf das Land auswirkte und die bis in alle Lebensbereiche vorgedrungen ist. Da die Autorin einen bulgarischen Vater hatte und die Mutter Deutsche war ist anzunehmen, dass es in diesem Buch auch viele autobiographische Details gibt.
Die Autorin rechnet mit dem Vater und seinem Land mit Hasstiraden ab und es gibt drei narrative Ebenen die leider nicht getrennt erzählt werden, sondern immer abrupt abwechseln und deshalb ist es sehr schwierig, den roten Faden nicht zu verlieren, besonders wenn man kein Muttersprachler ist. Diejenigen, die sich für die Hörversion entschieden haben, hatten auch Probleme mit dem schwäbischen Akzent. Für uns leider dieses Mal keine genussreiche Erfahrung.
March 2023
Wiener Straße von Sven Regener
Wir haben vor 19 Jahren das erste Buch von Sven Regener gelesen und es hat uns gut gefallen. Einige von uns haben auch den Film gesehen. Deshalb wollten wir wieder einmal etwas von diesem Autor lesen und haben uns für “Wiener Straße”entschieden, da dieses Buch 2017 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand. Im Inhalt geht es um ein paar Tage in Berlin Kreuzberg Anfang der 80-Jahre. Zu dieser Zeit wurden in Westberlin massenhaft Altbauten “entmietet”, die abgerissen werden sollten. Es waren Studenten, Aussteiger und Punker, die die leerstehenden Häuser besetzten und anfingen, sie wieder instand zu setzen. Es gab auch Junkies und Ausschreitungen zu dieser Zeit, aber das wurde in diesem Buch überhaupt nicht erwähnt.
Im Grunde genommen dachten viele von uns beim Lesen des Buches an die amerikanische Serie “Seinfeld”, denn es gab eigentlich keine richtige Handlung. Das Thema Kunst und die Frage, was Kunst eigentlich ist, wurde angeschnitten, aber eigentlich geht es um Nichts. Im Mittelpunkt des Buches stehen Erwin Kächele, der gerade mit seiner Familienplanung beschäftigt ist und seine (dummen) Freunde bzw. Bekannten, die er aus seiner Wohnung ausquartieren will. Einige von ihnen arbeiten in seinem Cafe “Einfall” oder wollen dort arbeiten. Es gibt zahlreiche witzige Dialoge, es wird viel berlinert, aber es gibt keine tiefen Gespräche. Manche Passagen sind sehr humorvoll, andere Passagen wiederum etwas langatmig.
Die meisten von uns – aber nicht alle – haben das Buch köstlich gefunden. Wichtig war es, die Erwartungen runterzuschrauben denn dann konnte man es geniessen. Viele von uns haben sich für das ˙Hörbuch entschieden, aber das war nicht immer leicht. Am besten funktionierte es wenn man gleichzeitig das Buch las und und es sich anhörte, denn dann konnte man alles leicht verstehen und sich ein häufiges lautes Lachen nicht verkneifen.
Einige von uns kennen Berlin und auch Kreuzberg, waren zu dieser Zeit in Berlin und das hat viele schöne Erinnerungen hervorgebracht. Auf alle Fälle war die Mehrzahl von uns froh, wieder einmal etwas von Sven Regener gelesen zu haben.
January 2023
Tante Helene und das Buch der Kreise von Martin Beyer
Was für eine wunderbare Idee, das Leben der Berliner Künstlerin Irene Wedell, die 2017 verstorben ist, als Inspiration für ein Buch zu verwenden! Das genau hat Martin Beyer mit dem Roman Tante Helene und das Buch der Kreise gemacht.
Einfühlsam beschreibt er die Hürden, die der Hauptcharakter Helene überwinden muss, um als unabhängige Künstlerin und Freigeist zu überleben und “den perfekten Kreis” zu finden. Diese Geschichte, in der das Leben der Nachkriegszeit, die sich wandelnde Einstellung der Nachkriegskinder und die Schwierigkeiten, die frei denkender Frauen in den 60-er und 70-er Jahren aufgrund der konservativen und traditionsgebundenen Gesellschaft durchmachen mussten, wird facettenreich dargestellt.
Sie wird allerdings nicht chronologisch erzählt, sondern beginnt mit dem In New York lebenden Neffen von Helene, der in den letzten Jahren eine Beziehung mit ihr aufgebaut hat und ihr gerade eine E-Mail schreibt, als ihn die Nachricht von Helenes Tod erreicht. Diesen Neffen, zusammen mit seiner Mutter und ihrer leiblichen Mutter hat Helene erst später in ihrem Leben kennengelernt. Denn als sie ihren politisch engagierten Freund heiraten will, erfährt sie, dass sie adoptiert wurde und dass ihre leibliche Mutter adeliger Herkunft und nach dem Weltkrieg in die USA ausgewandert ist. Ihre Adoptivmutter hatte nie den Mut, dies Helene zu sagen. Zwei Mütter, und eine problematische Beziehung mit beiden. Es ist viel, mit dem Helene fertig werden muss und die einzige wahre Hilfe kommt von ihrer alleinerziehenden Freundin Heidi.
Uns hat das Buch im Großen und Ganzen gefallen und wir haben bewundert, wie der Autor es aufgebaut hat. Wir fanden den Schreibstil gut und waren auch der Meinung, dass man gar nicht bemerkt, dass es ein Mann ist, der dieses Buch aus der Sicht einer Frau geschrieben hat. Einige Mitglieder haben sich gefragt, warum der Roman mit dem Charakter des Neffen Alexander beginnt, da sein Leben in New York ein bisschen klischeehaft wirkt, besonders für uns Amerikaner. Allerdings haben wir spekuliert, dass der Autor diese Vorgangsweise benutzte, da ja eigentlich beide, Helene und Alexander, den Erwartungen der Gesellschaft nicht entsprachen und dass es für beide schwierig war, ihren eigenen Weg zu finden. In diesem Sinne war Helene ein Vorbild für Alexander und half ihm indirekt, seine Träume zu verwirklichen.

