2024

Oktober

Cafe ohne Namen von Robert Seethaler

Bei dem “Das Café ohne Namen” von Robert Seethaler geht es um eine authentische Reise in die Wiener Leopoldsstadt der 60er und 70er Jahre. Es ist das dritte Buch von Robert Seethaler, das wir gelesen haben, und es hat unsere Erwartungen erneut erfüllt. Seethaler gelingt es, einen tiefgründigen Einblick in das Leben der ärmeren Schichten in diesem Stadtteil zu dieser Zeit zu bieten. 

Im Zentrum der Geschichte steht Robert Simon, der sich mit der Eröffnung seines Cafés einen Lebenstraum erfüllt. Dieses Café wird zur Bühne, auf der die verschiedenen Charaktere erscheinen, wir ein bisschen von ihnen erfahren, und die dann wieder verschwinden um dann wieder aufzutauchen. Dabei offenbart sich dem Leser nach und nach das Leben der Menschen, die das Café besuchen. Die Schicksale sind oft tragisch, doch Seethaler gelingt es, diese nüchtern und zugleich mitfühlend zu schildern, ohne dabei sentimental oder kitschig zu werden. Seine Darstellung ist stets von großer Menschlichkeit geprägt.

Kritik gab es jedoch an der Hörbuchversion des Romans. Besonders der Dialog zweier Frauen, die regelmäßig das Café besuchen und deren Worte oft eine besondere Bedeutung haben, wurde wenig einfühlsam vorgetragen. Es entstand der Eindruck, als hätte der Sprecher eine Abneigung gegen diese Figuren, was den Hörer irritiert zurücklässt.

Historische Ereignisse werden nur sporadisch integriert, doch für Menschen, die in dieser Zeit in Österreich lebten, wecken die Erwähnungen von Persönlichkeiten wie Bundeskanzler Kreisky oder des Einsturzes der Reichsbrücke nostalgische Erinnerungen.

Eine zentrale Frage bleibt: Wollte der Autor mit seinem Werk eine Botschaft vermitteln? Die Themen des Buches kreisen um erfüllte und gescheiterte Träume, Einsamkeit, finanzielle Sorgen und persönliche Enttäuschungen. Der Protagonist ist ein guter Mensch, der anderen helfen will, doch er bleibt realistisch: Wenn die Dinge nicht nach Wunsch laufen, sucht er die Schuld nicht bei anderen, sondern übernimmt die Verantwortung für sein eigenes Handeln – etwas, das in den USA immer seltener anzutreffen ist.

September

Melody von Martin Suter

Da wir im Sommer gerne etwas Leichtes lesen, fiel unsere Wahl zum fünften Mal auf ein Buch von Martin Suter. Und wieder wurden wir nicht enttäuscht – insgesamt hat das Buch allen gut gefallen. Wir schätzen Suters Schreibstil, der es angenehm und einfach macht, in die Geschichte einzutauchen. Einige von uns empfanden das Buch allerdings als etwas zu lang, wobei der zweite Teil als spannender wahrgenommen wurde.

Was zunächst wie eine Liebesgeschichte beginnt, entwickelt sich schnell zu einer Erzählung über Selbstinszenierung und Kontrolle. Das Buch ist voller rätselhafter Wendungen, die perfekt zum übergreifenden Thema passen: Was ist Wahrheit, und was ist Fiktion?

Dr. Stotz, ein alter Mann von immensem Reichtum und politischem Einfluss, beauftragt den jungen Tom Elmer – der weder reich ist noch politisch interessiert – damit, seinen Nachlass zu ordnen. Dr. Stotz ist eine faszinierende Figur. Seine prunkvolle Villa gleicht einem Schrein für seine verlorene Liebe Melody, eine bezaubernde Frau, die kurz vor ihrer Hochzeit auf mysteriöse Weise verschwand.

Es gibt mehrere Nebenfiguren, über die man jedoch nur wenig erfährt, obwohl sie oft präsent sind. Im Großen und Ganzen war keine einzige Person in der Geschichte wirklich sympathisch – manche waren interessant, aber niemand könnte als nobel bezeichnet werden.

Wie so oft in Suters Büchern spielen gutes Essen und Alkohol eine bedeutende Rolle.

Die meisten von uns konnten das Buch kaum aus der Hand legen und waren vom unerwarteten Ende völlig überrascht. Martin Suter versteht es meisterhaft, den Leser hinters Licht zu führen, was das Buch auf faszinierende Weise aktuell macht. Es zeigt, wie sehr die Reaktion auf Lügen von der jeweiligen Perspektive abhängt.

Juli und August

Kairos von Jenny Erpenbeck

“Kairos” ist das dritte Buch von Jenny Erpenbeck, das wir gelesen haben, und auch dieses Mal waren wir vom Schreibstil zutiefst beeindruckt. Während unserer Diskussion entwickelten sich bei der Beurteilung des Buches drei Kategorien: Schreibstil, Integration der geschichtlichen Hintergründe, und die Affäre. Denn „Kairos“ ist ein Roman, der in den 1980er Jahren in Ostdeutschland spielt, einer Zeit bedeutender politischer und sozialer Umwälzungen, die zum Fall der Berliner Mauer führten. Die Geschichte dreht sich um eine komplexe und letztlich zerstörerische Affäre zwischen Katharina, einer 19-jährigen Frau, und Hans, einem verheirateten Mann, der 34 Jahre älter ist als sie. 

Der Autorin gelingt es, die Machtdynamik und die emotionale Manipulation innerhalb der Affäre, parallel zu den größeren politischen Spannungen und Umwälzungen in Ostdeutschland zu dieser Zeit zu entwickeln. Hans übt die Kontrolle über Katharina aus, insbesondere durch psychischen Missbrauch, indem er sie zum Beispiel zwingt, sich Tonbandaufnahmen mit Anschuldigungen und Beleidigungen anzuhören. Dieser Teil des Buches wurde für die meisten von uns zeitweise unerträglich (und unbehaglich) – was wahrscheinlich die Absicht der Autorin war. Allerdings ist diese Beziehung eine Metapher für die breiteren gesellschaftlichen Veränderungen und spiegelt Themen wie Macht, Verrat und die Suche nach Identität in einem zusammenbrechenden politischen System wider. 

Weiters zeichnet sich der Roman durch seine reich strukturierte Prosa und seine Fähigkeit aus, die Orientierungslosigkeit und Komplexität des Lebens in einer Gesellschaft zu vermitteln, die am Rande eines dramatischen Wandels steht. “Kairos” fordert den Leser heraus, über die Überschneidung von persönlicher und historischer Zeit, die Natur der Erinnerung und die Auswirkungen politischer Umwälzungen auf das Leben des Einzelnen nachzudenken.

Diesbezüglich was es besonders interessant, mehr über die unterschiedlichen Gesichtspunkte der „Wessies“ und „Ossies“ zu erfahren. Die Westdeutschen dachten, dass die Befreiung das Wichtigste und nur positiv war, haben aber nie bedacht, was die Wende für die einzelnen Ostdeutschen bedeutete. Viele haben ihre Jobs verloren und das Materielle wurde plötzlich wichtiger. Eine große Unsicherheit breitete sich aus, besonders in der älteren Generation und laut den Westdeutschen war plötzlich alles falsch, was die Ostdeutschen gemacht hatten. Und niemand im Westen konnte oder wollte sehen, was die Ostdeutschen alles verloren haben.

Wir sind nicht überrascht, dass dieses Buch ins Englische übersetzt wurde und den „International Book Prize“ erhalten hat.

April und Mai 2024

Unterleuten von Juli Zeh

Viele von uns fanden den Gesellschaftsroman über das fiktive Dorf „Unterleuten“ in Brandenburg von Julia Zeh anfangs schwierig zu lesen. Es dauert einige Kapitel, bis man genug über die vielen Charaktere weiß und versteht, was für sie wichtig ist und ob jemand altansässig oder zugezogen ist. Das Buch ist sehr gut geschrieben, und da man nach einigen Kapiteln mit den zahlreichen Protagonisten vertraut ist, liest sich der zweite Teil wesentlich leichter.

Das Dorf scheint zunächst idyllisch, doch als eine Investmentfirma plant, einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft zu errichten, brechen alte Streitigkeiten wieder auf, die lange Zeit unterdrückt wurden. Besonders problematisch ist die Frage, welche zwei Grundstücke und drei Personen für den Windpark in Frage kommen, da derjenige, der den Zuschlag erhält, finanziell ausgesorgt hat. Das Geschehen spielt im Jahr 2010, doch die Zeit vor und nach der Wende, wer davon profitiert hat und wer nicht, sowie die damit verbundenen Gefühle drohen das soziale Gefüge des Dorfes zu sprengen. Der Unterschied zwischen den Einheimischen aus dem Osten und den „Zugereisten“ aus dem Westen, die die ungeschriebenen Regeln des Dorfes nicht beachten, wird eindrucksvoll dargestellt. Es gibt Bewohner aus verschiedenen Schichten: einige sind alt, einige jung, einige wohlhabend, andere leben in Armut.

Der Roman ist in sechs Teile gegliedert, die wiederum in Kapitel unterteilt sind, die die Namen der Figuren tragen, aus deren Perspektive erzählt wird. Der Roman wurde 2018 für das ZDF verfilmt, und es gibt auch eine Hörbuchversion, für die sich einige Mitglieder entschieden haben. Zusätzlich gibt es eine Homepage für Unterleuten mit einem Namensverzeichnis, das wir beim Lesen als sehr hilfreich empfanden und das den Eindruck vermittelt, der Roman sei keine Fiktion.

Am Ende wird klar, dass jeder im Dorf Dinge annimmt, die überhaupt nicht stimmen. Alle glauben, dass sie recht haben, jeder denkt nur an sich und seine eigenen Interessen. Es stellt sich die Frage, ob in der Gegenwart noch eine Moral jenseits des Eigeninteresses existiert. Es ist jedoch erwähnenswert, dass Familienangehörige eine große Rolle bei der Motivation der Figuren spielen.

Wir fanden den Perspektivenwechsel und die Themen interessant, und die Sprache ist wunderbar. Es gibt auch einige spannende Details wie Unfälle, Selbstmorde und Gewaltakte. Und die Geschichte selbst ist ungewöhnlich.

März 2024

Jahre mit Martha von Martin Kordić

Uns allen hat das Buch „Jahre mit Martha“ von Martin Kordić sehr gut gefallen; ganz besonders denen, die mit Ludwigshafen und Mannheim oder der kroatischen Kultur vertraut sind. Wir waren vom Schreibstil des Autors begeistert und fanden den Roman stellenweise sehr poetisch. Der Inhalt war bis zu einem gewissen Ausmaß „gleichmäßig“, es gab weder Höhe- noch Tiefpunkte, was Vielen von uns aufgefallen ist.

In dem Roman geht um das Schicksal eines jungen Mannes, dem Sohn kroatischer Einwanderer aus Bosnien, der aufgrund des Jugoslawien-Krieges mit seinen Eltern und beiden Geschwistern nach Deutschland geflohen ist und sich ein besseres Leben in seinem neuen Heimatland aufbauen will. Seine Eltern sind einfache Arbeiter und die Familie lebt in ärmlichen Verhältnissen. 

Der Ich-Erzähler Želko nennt sich aufgrund der Vorurteile gegen Immigranten Jimmy und glaubt durch die Beziehungen mit der deutlich älteren Professorin Martha Gruber und seinem Literaturprofessor Alex Donelli auf eine bessere Zukunft hinzuarbeiten. Aber die Beziehungen waren ungleich; er wurde im Grunde genommen kontrolliert und ausgenutzt. Es wurde ihm mit der Zeit immer klarer, dass er ein Außenseiter war, der zwar die gesellschaftlichen Unterschiede wahrnahm, aber diese nie wirklich überwinden konnte. Mit Sex und später auch mit Marihuana versuchte er seinen emotionalen Schmerz zu bewältigen. Der bildungshungrige Protagonist, der seinem Herkunftsmilieu entkommen will, verliert sich bei diesem Prozess dabei immer mehr und wird sich bewusst, wieviel verlustig geht, wenn man sich assimiliert. 

Kordić rechnet in diesem Roman mit der deutschen Gesellschaft ab, integriert aber viele interessante Elemente, Zitate, Popkultur-Motive und tiefgreifende Ereignisse, die den Leser zum Nachdenken anregen.

Ein beeindruckender, vielschichtiger Roman, den wir nur empfehlen können.  

February 2024

Alte Sorten von Ewald Arenz

“Alte Sorten” was das zweite Buch von Ewald Arenz, das wir gelesen haben und auch dieses Mal hat es allen sehr gut gefallen (nur ein Mitglied fand es gut und nicht sehr gut:). Wir waren vom Schreibstil begeistert und vor allem die Beschreibung der Beziehungen zwischen den zwei Hauptcharakteren, den sehr unterschiedlichen Frauen Liss und Sally, war wunderschön. Von den ersten Seiten an, als sich die Frauen das erste Mal getroffen haben, bis zum Ende, als sie nicht nur zueinander gefunden, sondern auch sich selbst gefunden hatten, waren wir gefesselt. Übrigens waren viele von uns der Meinung, dass die zweite Hälfte des Buches noch packender war.

Der englische Titel des Buches lautet “Tasting Sunshine”, was uns nicht überrascht hat, denn der Autor hat das Leben auf dem Land mit den unterschiedlichen Aufgaben wie das Bienen zuckern, Kartoffel ernten, oder die Herstellung von Birnenschnaps mit viel Poesie in diese Geschichte über eine gegenseitig heilende Freundschaft integriert. Man konnte die spätsommerliche Stimmung spüren, die Birnen schmecken, das Gras riechen! 

Ewald Arenz hat alles Klischeehafte vermieden, obwohl es hier um tiefe menschliche Wunden und Liebe ging. In dem Buch hat auch das Thema Kontrolle eine wichtige Rolle, unter der beide Frauen besonders gelitten hatten und in einer Szene – der Kartoffelernte – wird dargestellt, dass man Menschen auch etwas lehren kann, ohne herrisch oder lieblos zu sein. Die negativen Erfahrungen der beiden Frauen erfährt man durch Rückblenden, die geschickt alle Fäden zusammenführen.

Drei von uns haben sich für die Hörversion entschieden und wurden nicht enttäuscht. Die Stimme der Vorleserin war angenehm und sie hat die Tonlagen zwischen Lisa, Sally und der Erzählerin gut getroffen.

Wir können diesen Roman nur empfehlen und werden sicher wieder ein Buch von Ewald Arenz lesen. Was uns bei beiden Büchern, die wir von ihm gelesen haben, besonders beeindruckt hat is, dass er sehr schwierige Themen einfühlsam behandelt, aber am Ende immer die Hoffnung überwiegt.