2026

MAI

Herkunft ist ein Buch von Saša Stanišić, einem deutschsprachigen Autor, der in einem kleinen Ort in Bosnien geboren wurde, als das Land noch Teil Jugoslawiens war. Während des Jugoslawienkrieges floh er 1992 im Alter von 16 Jahren nach Deutschland.

Der Mehrheit von uns hat dieses Werk – eine Mischung aus Autobiografie und Roman – sehr gut gefallen. Stanišić greift eine Vielzahl von Themen auf, darunter Herkunft, Migration, Krieg, Fremdenfeindlichkeit, seine enge und liebevolle Beziehung zu seiner Großmutter sowie persönliche Erfahrungen des Ankommens und Aufwachsens in einem neuen Land.

Was viele als Stärke empfanden, wurde von einigen allerdings ein wenig kritischer gesehen: Zwei Mitglieder hätten sich gewünscht, dass bestimmte Themen noch vertieft worden wären. Auch der insgesamt positive, stellenweise ironische Ton – der besonders in der Hörversion deutlich wird – wurde diskutiert. Die nicht-chronologische Erzählweise stellte für einige eine Herausforderung dar.

Im Verlauf der Diskussion ergaben sich jedoch mögliche Erklärungen für diese Struktur und den gewählten Ton. Die Sprünge zwischen Erinnerungen an Bosnien – insbesondere an die Großmutter – und Erlebnissen in Deutschland, etwa in der Schule oder mit Freunden und anderen Geflüchteten (mit denen er sich regelmäßig an einer ARAL-Tankstelle traf), können als Spiegel oder sogar als Metapher für die fortschreitende Demenz der Großmutter gelesen werden. Ebenso liegt die Vermutung nahe, dass die fragmentarische Form Stanišićs eigenes Gefühl der Entwurzelung widerspiegelt – das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen und die damit verbundenen inneren Brüche.

Zugleich geht es in Herkunft nicht nur um die Lebensgeschichte des Autors, sondern um eine grundlegende Frage: Was bedeutet Herkunft eigentlich? Ist sie ein geografischer Ort, eine Zeit, die Familie, oder sind es Erwartungen und Zuschreibungen von außen?

Besonders hervorzuheben ist, dass es Stanišić gelingt, weder seine Kriegserfahrungen noch die Diskriminierung von Ausländern zu instrumentalisieren. Er vermeidet Klischees und bewahrt einen bemerkenswerten Optimismus sowie einen feinen Humor – eine Haltung, die auch in Interviews spürbar ist. Vielleicht hat ihm seine Jugend geholfen, die belastenden Erfahrungen zu verarbeiten. Gleichzeitig zeigt das Buch, dass es auch viele unterstützende und positive Begegnungen gab – etwa während der Flucht, in der Schule durch einen engagierten Lehrer oder durch eine Beamtin, die seinen Visaantrag bearbeitete.

Seine kritische Auseinandersetzung mit dem Krieg wurde auch 2019 deutlich, als er bei seiner Dankesrede zur Verleihung des Deutscher Buchpreis 2019 Peter Handke für dessen Haltung im Balkankonflikt kritisierte und ihm vorwarf, Kriegsverbrechen relativiert und die Wirklichkeit so verzerrt zu haben, „dass dort nur noch Lüge entsteht“.

Insgesamt ist Herkunft ein sehr lesenswertes Buch. Wer sich intensiver mit den historischen Hintergründen des Krieges auseinandersetzen möchte, wird im Buch Radio Sarajevo, das wir in einigen Monaten lesen werden, weitere Einblicke finden.

MÄRZ

22 Bahnen von Caroline Wahl

Dies ist das erste Buch von Caroline Wahl, das wir gelesen haben, und es hat uns allen ausnahmslos sehr gut gefallen. Der Roman ist leicht zu lesen, und wir haben den klaren und einfühlsamen Schreibstil der Autorin sehr genossen. Wahl verwebt geschickt zwei traurige Erzählstränge miteinander: den Tod eines engen Freundes der Protagonistin Tilda in der Vergangenheit und den Alkoholismus der Mutter. Dennoch wirkt die Handlung nie konstruiert oder überraschend dramatisch – alles entwickelt sich organisch und glaubwürdig.

Besonders berührend ist die liebevolle Beziehung zwischen Tilda und ihrer deutlich jüngeren Halbschwester Ida. Tilda ist Mathematikstudentin, arbeitet nebenbei an der Supermarktkasse und übernimmt praktisch die Rolle einer Ersatzmutter, da die gemeinsame Mutter alkoholkrank ist. Verantwortungsbewusst und fürsorglich versucht Tilda alles, um Ida zu unterstützen und sie behutsam zu mehr Selbstständigkeit zu führen. Gleichzeitig träumt sie von einem freieren und besseren Leben und sorgt sich um ihre eigene Zukunft. Als hervorragende Studentin wird sie von ihrem Professor ermutigt, sich nach ihrem Studienabschluss mit seiner Unterstützung um eine Stelle in Berlin zu bewerben. Doch kann sie ihre Schwester allein bei der Mutter zurücklassen? Angesichts von deren Alkoholismus und wiederholten Selbstmordversuchen erscheint das äußerst riskant und stellt Tilda vor eine schwere Entscheidung.

Der zweite Erzählstrang entwickelt sich im Kern zu einer Liebesgeschichte. Tilda kommt Viktor, dem Bruder ihres bei einem Unfall verstorbenen Freundes, der bei diesem Unglück seine gesamte Familie verloren hat, näher. Beide unterstützen sich gegenseitig dabei, mit ihren schmerzhaften Erfahrungen umzugehen – vorsichtig, respektvoll und liebevoll. Für beide spielt das Schwimmen eine wichtige Rolle: Es hilft ihnen, ihre Enttäuschungen und Trauer zu verarbeiten und wirkt beinahe wie eine Form der Meditation.

Auch diejenigen in unserer Gruppe, die sich für die Hörbuchversion entschieden haben, waren sehr zufrieden. Ein Mitglied hatte im Herbst sogar die Verfilmung des Buches in Deutschland gesehen. Seiner Meinung nach ist das Buch zwar etwas besser als der Film, doch besonders die Szenen im Schwimmbad seien sehr eindrucksvoll umgesetzt worden.

Wir können dieses Buch nur empfehlen. Unser einziger Wunsch war, dass es etwas länger gewesen wäre – wir hätten gerne erfahren, wie die Geschichte weitergeht. Umso mehr hat es uns gefreut, am Ende des Buches in der Leseprobe zu entdecken, durch die klar wird, dass der nächste Roman der Autorin an diese Geschichte anknüpft. Diesen werden wir daher im nächsten Jahr sicher lesen.

FEBRUAR

Freiheit von Angela Merkel

Mit ihrer Autobiografie „Freiheit“ legt Angela Merkel ein ebenso sachliches wie persönliches Werk vor, das Einblicke in das Leben einer der prägendsten politischen Persönlichkeiten unserer Zeit gewährt. Auch wenn nicht alle Mitglieder jedes Kapitel vollständig gelesen haben, vermittelt das Buch doch einen eindrucksvollen und facettenreichen Eindruck ihrer Lebens- und Denkweise.

Besonders hervorzuheben ist der erste Teil über Merkels Kindheit und Studienzeit in der DDR. Ohne Ausnahme wurde dieser Abschnitt als der stärkste Teil des Buches empfunden. Merkel beschreibt anschaulich ihr Aufwachsen als Pfarrerstochter in einem politisch sensiblen Umfeld und lässt die Leserinnen und Leser an prägenden Erfahrungen teilhaben. Beeindruckend ist dabei ihre Schilderung, wie sie schon früh lernte, zurückhaltend, freundlich und bedacht zu sein – auch, um möglichen Schwierigkeiten mit der Stasi aus dem Weg zu gehen. 

Diese frühen Erfahrungen erscheinen als Schlüssel zum Verständnis ihrer späteren politischen Haltung: nüchtern, analytisch, sachorientiert – und bis zu einem gewissen Grad auch vertrauensvoll gegenüber Menschen. Besonders eindrücklich fanden wir diese Aussage über ihre Jugendjahre: 

„Ich persönlich war aber nicht dafür geschaffen, tagein, tagaus, morgens bis abends unentwegt darüber nachzudenken, was als Nächstes drohen könnte. Ständig in Alarmstimmung zu sein, hätte ich nicht ertragen, es hätte mich krank gemacht.“

Diese Haltung, die sie selbst als Teil ihrer Persönlichkeit beschreibt, zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch. Sie erklärt nicht nur ihre innere Stabilität, sondern auch ihren politischen Stil.

Der Schreibstil ist durchgehend sachlich, klar und strukturiert – ganz im Sinne ihrer bekannten politischen Sprache. Einige Mitglieder hätten sich allerdings mehr Einblicke in ihr Privat- und Gefühlsleben gewünscht. Persönliche oder emotionale Reflexionen bleiben eher zurückhaltend. Doch gerade diese Zurückhaltung scheint authentisch zu sein und entspricht dem Bild, das man von Merkel kennt.

Besonders eindrucksvoll ist die Schilderung der Zeit unmittelbar nach der Wende. Hier wird deutlich, was Merkel antreibt: Sie setzt sich Ziele, verfolgt sie konsequent und lässt sich nicht von äußeren Umständen entmutigen. Dass sie als Frau und ehemalige Ostdeutsche bis an die Spitze der deutschen Politik gelangte und 16 Jahre Bundeskanzlerin war, erscheint vor diesem Hintergrund umso bemerkenswerter.

Auch in der Beschreibung ihrer Kanzlerschaft zeigt sich ihre charakteristische Nüchternheit. Manche Passagen wirken sind viel zu detailliert und stellenweise etwas langatmig, doch Themen wie die Beziehung zu und Verhandlungen mit Wladimir Putin, die Bewältigung der Corona-Krise oder internationale Verhandlungen zum Klimaschutz sind informativ und aufschlussreich.

Auffällig ist zudem, dass viele öffentliche Rezensionen weniger das Buch selbst als vielmehr Merkels politische Entscheidungen kritisieren. Unabhängig davon, wie man einzelne politische Einstellungen bewertet, lässt sich ihre Integrität schwer bestreiten. Das Buch vermittelt das Bild einer Politikerin, die nach bestem Wissen und Gewissen handelte und stets bemüht war, verantwortungsvoll und menschlich zu entscheiden – Eigenschaften, die im politischen Alltag keineswegs selbstverständlich sind.

„Freiheit“ ist keine emotionale Enthüllungsbiografie, sondern eine reflektierte, sachliche Rückschau auf ein außergewöhnliches politisches Leben. Wer tiefgehende private Einblicke sucht, wird möglicherweise enttäuscht. Wer jedoch verstehen möchte, wie Angela Merkel denkt, entscheidet und handelt, in welchen Situationen sie ihre Fehler einsieht, erhält wertvolle Einsichten in das Selbstverständnis einer Kanzlerin, die deutsche und europäische Geschichte über anderthalb Jahrzehnte maßgeblich geprägt hat.