Dschinns von Fatma Aydemir

Wir besprechen dieses Buch am 8. Juni bei Rozi.

Deutscher Literaturkreis in Washington DC

Wir besprechen dieses Buch am 8. Juni bei Rozi.
Wir alle fanden Lichtspiel von Daniel Kehlmann – die Geschichte über den beinahe vergessenen Filmregisseur G. W. Papst, der 1939 aus dem amerikanischen Exil zurückkehrte und sich mit den Nationalsozialisten arrangierte – äußerst spannend und interessant. Die Mehrheit von uns hat das Buch sogar geliebt:). Daniel Kehlmann ist ein Meister der Sprache und des Stils. Er versteht es meisterhaft, den Leser zum Schmunzeln zu bringen, wenn Situationen humorvoll sind, und ihn tief zu berühren, wenn die Szenen herzzerreißend werden. Besonders durch subtile Anmerkungen und scheinbar nebensächliche Situationen gelingt es ihm, die allgegenwärtige Angst im Dritten Reich eindrucksvoll einzufangen.
Das Buch enthält zahlreiche hervorragende Szenen, etwa die Begegnungen mit Joseph Goebbels, dem Propagandaminister, Treffen mit Leni Riefenstahl sowie Gespräche mit Greta Garbo und Louise Brooks. Auch der häufige Wechsel der Perspektiven macht die Erzählung besonders facettenreich.
Die sorgfältige Recherche wird spürbar: Viele Themen werden angesprochen, darunter die Gleichgültigkeit gegenüber NS-Zwangsarbeitern, die systematische Gehirnwäsche von Kindern und Jugendlichen, die alltäglichen Böswilligkeiten sowie die teuflischen Kompromisse, die notwendig waren, um im Hitler-Regime zu überleben.
Um all diese Themen anzusprechen, hat Kehlmann allerdings einige Charaktere frei erfunden. Dadurch fehlte es manchen Figuren an Tiefe – nur der Protagonist erhielt einen tieferen Einblick. Besonders deutlich wird, dass für den Protagonisten Kunst über allem stand, während alles andere nebensächlich war. Ein Satz bringt dies besonders treffend auf den Punkt:
„Die Zeiten sind immer seltsam. Kunst ist immer unpassend. Immer unnötig, wenn sie entsteht. Und später, wenn man zurückblickt, ist sie das Einzige, was wichtig war.“
In unserer Diskussion wurde auch angemerkt, dass jedes Kapitel wie eine eigenständige Kurzgeschichte wirkte und der Autor am Ende versuchte, alle Erzählstränge zusammenzuführen – was jedoch nicht ganz überzeugend gelang. Dieser Eindruck war besonders deutlich bei der Hörbuchversion spürbar.
Wir empfanden es als wichtig, dieses Buch gelesen zu haben – und gerade jetzt. Denn Lichtspiel regt dazu an, darüber nachzudenken, wie man selbst handeln würde, wenn man in einem solchen politischen System leben müsste oder überleben wollte. Vielleicht war dies der Grund, warum Kehlmann das Buch geschrieben hat – im Hinblick auf die aktuelle politische Situation in vielen Ländern Europas und in den USA.
Die englische Übersetzung wird in wenigen Wochen erscheinen. Vielleicht trägt sie dazu bei, ein tieferes Verständnis für das Grauen zu vermitteln, das hier oft subtil dargestellt wird – für die alltäglichen Bosheiten, denen viele während der NS-Zeit ausgesetzt waren, und für die ständige Angst, mit der so viele Menschen leben mussten. Und vielleicht regt das Buch auch dazu an, darüber nachzudenken, ob nicht ähnliche Mechanismen heute wieder zu erkennen sind.

Wir besprechen dieses Buch am 27. April bei Jessica.
“Zwischen Welten“ ist das zweite Buch von Juli Zeh, das wir gemeinsam gelesen haben. Während „Unterleuten“ bei allen Mitgliedern gut ankam, waren die Meinungen zu diesem Buch deutlich geteilt. Einige fanden es spannend und inhaltlich relevant, andere empfanden es als langatmig oder zu konstruiert.
Die beiden Protagonist*innen, Theresa – eine Bäuerin aus Brandenburg – und Stefan – ein Journalist aus Hamburg – kennen sich noch aus dem Studium. Nach einem zufälligen Wiedersehen nach zwanzig Jahren beginnt ein reger E-Mail- und WhatsApp-Austausch. Darin diskutieren sie über hochaktuelle politische und gesellschaftliche Themen, bei denen sie gegensätzlicher Meinung sind. Die Diskussionen eskalieren mitunter, da beide stark in ihren jeweiligen Positionen verankert sind.
Einige von uns fanden, dass die Figuren weniger wie echte Menschen wirken und eher als Repräsentanten politischer Lager – „links“ und „rechts“ – fungieren. Die Lebensumstände der beiden Charaktere werden zwar anschaulich beschrieben, doch oft gehen sie in ihrer digitalen Kommunikation kaum aufeinander ein. Sie reden aneinander vorbei, hören nicht wirklich zu, und vieles wird reflexhaft mit Empörung aufgenommen – unabhängig davon, ob es einen realistischen Hintergrund hat oder nicht.
Aufschlussreich fanden einige von uns die Schilderungen zur Agrarpolitik, zur Rolle der EU und zur Entwicklung Ostdeutschlands nach der Wiedervereinigung. In diesen Passagen liefert das Buch interessante Einblicke, die über den persönlichen Schlagabtausch der Figuren hinausgehen.
Inhaltlich wirkt das Buch wie eine Metapher – nicht nur für die gesellschaftliche Spaltung in Deutschland, sondern für viele Länder weltweit. Es zeigt auf, wie tief die Kluft zwischen politischen Lagern ist. Der Wille, die andere Seite zu verstehen, fehlt auf beiden Seiten. Ein Dialog scheint kaum mehr möglich.
Vielleicht wird dieses Buch in 50 Jahren als Zeitdokument von Bedeutung sein – ein Spiegel unserer Gegenwart, in der Meinungen unvereinbar erscheinen. Die einen fühlen sich nicht gehört (die Journalisten, die Intellektuellen), die anderen nicht gesehen (die Landwirte, die Unternehmer).
Vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Entwicklungen, insbesondere in den USA, fanden wir es bemerkenswert, dass wir gerade jetzt zu diesem Buch gegriffen haben. Es fängt die Zeit, in der wir leben, treffend ein – aber es bleibt fraglich, ob man als Leser wirklich etwas daraus lernt.
Auffällig für uns war, dass unsere Meinungen über dieses Buch, welches in Zusammenarbeit mit Simon Urban entstanden ist, die Meinungen der Kritiken gut widerspiegeln. Einige Kritiker waren begeistert („ein schlaues, satirisch-scharfes und sehr aktuelles Buch“, andere überhaupt nicht („eine eigentlich gute Idee scheitert krachend an der uninspirierten Umsetzung“).

Wir besprechen dieses Buch am 23. März bei Gena.
Nach vielen Jahren haben wir uns entschieden, wieder ein Buch von Hermann Hesse zu lesen – und wurden nicht enttäuscht. Sein Schreibstil ist schlichtweg wunderschön, und sein tiefgehender Einblick in die menschliche Psyche beeindruckt immer wieder. Die Einflüsse seiner psychotherapeutischen Sitzungen mit J.B. Lang, einem Schüler C.G. Jungs, sowie sein schriftlicher Austausch mit Jung selbst sind in “Narziß und Goldmund” klar erkennbar.
Zentrale Themen des Romans sind die Suche nach Identität, die Spannung zwischen Geist und Sinnlichkeit, Denken und Fühlen, Askese und Lebenslust sowie die Bedeutung von Kunst und Spiritualität.
Die Geschichte spielt im Mittelalter und dreht sich um zwei ungleiche Freunde: Narziß, ist ein intellektuell-strenger Mönch, der sich ganz der Welt des Geistes verschrieben hat. Er verkörpert Vernunft, Ordnung und Askese. Goldmund hingegen ist ein lebensfroher, künstlerisch begabter junger Mann, der das Kloster verlässt, um die Welt zu erkunden. Auf seiner Reise sucht er Schönheit, Liebe und Sinnlichkeit – er symbolisiert das kreative, emotionale Prinzip.
Der Roman beginnt mit dem Kennenlernen der beiden Protagonisten im Kloster und es wir schnell klar, dass sie sich sofort zueinander hingezogen fühlen. Goldmund bewundert Narziß, doch dieser erkennt früh, dass Goldmund nicht für das klösterliche Leben bestimmt ist. Er bestärkt ihn darin, seinen eigenen Weg zu gehen, statt sein wahres Selbst zu unterdrücken. Dadurch zeigt sich, dass Narziß’ Zuneigung zu Goldmund etwas Erhabenes hat – eine Liebe, die auf tiefer Erkenntnis beruht.
Besonders eindrucksvoll ist die Rolle der Kunst als spirituelle Erfahrung. Goldmund begreift im Laufe seines Lebens, dass wahre Kunst nicht nur Schönheit darstellt, sondern eine höhere Wahrheit über das Leben und die Seele ausdrückt. Seine Werke spiegeln seine Erlebnisse und seine Suche nach der mütterlichen Urkraft wider – eine Sinnlichkeit, die in seine Kunst einfließt und sie mit Leben erfüllt.
Der Autor bezeichnet Narziß und Goldmund in einem 1928 geschriebenen Aufsatz als
“Seelenbiographien (…): In allen handelt es sich nicht um Geschichten, Verwicklungen und Spannungen, sondern sie sind im Grunde Monologe, in denen eine einzige Person in ihren Beziehungen zur Welt und zum eigenen Ich betrachtet wird.”
Obwohl der Roman im Mittelalter spielt, sind seine Themen zeitlos. Narziß und Goldmund ist ein Buch, das man unbedingt gelesen haben sollte.

Wir besprechen dieses Buch am 16. Februar bei Douglas.
In Dörte Hansens Roman “Zur See” wird das Leben auf einer kleinen Nordseeinsel eindrucksvoll geschildert. Der Schreibstil ist schlicht, zugleich poetisch und voller interessanter Redewendungen – ein wahrer Genuss für den Leser. Durch diese klare und unaufgeregte Sprache werden die Eigenheiten der dort lebenden Einheimischen ebenso wie die der Touristen präzise und nüchtern beschrieben. Da die Figuren kaum sprechen, gibt es nur wenig Dialog – ein Stilmittel, das die Atmosphäre der Insel hervorragend einfängt.
Obwohl die Handlung keine großen Spannungsbögen aufweist – ein Umstand, der von einem unserer Mitglieder etwas kritisiert wurde –, entfaltet sich dennoch ein tiefer Einblick in die stille, aber kraftvolle Verbindung der Inselbewohner mit ihrer Heimat. Anfänglich mag es den Eindruck erwecken, dass niemand in der Lage ist, seine Gefühle auszudrücken. Doch gerade in dieser Zurückhaltung liegt eine subtile Intensität, die den Leser auf eindringliche Weise berührt.
Die Autorin veranschaulicht den Strukturwandel auf der Insel anhand der alteingesessenen Familie Sanders. Ein intaktes Familienleben gibt es für die Eltern Jens und Hanne sowie ihre drei Kinder Ryckmer, Eske und Henrik schon lange nicht mehr. Jens und Ryckmer fuhren früher, wie viele Generationen vor ihnen, zur See. Doch die traditionellen Seefahrerberufe sterben aus, während der Tourismus als neue Einnahmequelle an Bedeutung gewinnt. Jeder in der Familie geht mit diesem Wandel anders um: Jens zieht sich in die Einsamkeit der Vogelbeobachtung zurück, Hanne flüchtet sich in ständige Betriebsamkeit, und Tochter Eske, die im Seniorenheim Seeleute und Witwen pflegt, empfindet die Touristenströme als größere Bedrohung als das Meer selbst. Für sie ist die Inselkultur längst zu einer bloßen Folklore verkommen. Daher interessiert sie sich – wie auch die Autorin selbst – für sogenannte Nischensprachen, um kulturelle Identität und Vielfalt zu bewahren. Das Traurige daran ist, dass jeder eine Rolle spielt bzw. spielen muss und das wirkt sich langfristig negativ aus.
Wir haben diesen Roman mit Begeisterung gelesen und können ihn uneingeschränkt empfehlen. “Zur See” ist ein tiefgründiges Werk, das zum Nachdenken anregt. Es eröffnet Einblicke in ein Leben, das vielen von uns fremd ist – ein Leben, das von der See geprägt wird, die Menschen anzieht, ihnen aber auch gefährlich werden kann. Besonders beeindruckend ist, wie es der Autorin gelingt, alle Charaktere mit großer Empathie und feiner Beobachtungsgabe darzustellen.

Wir besprechen dieses Buch am 5. Januar bei Chris M.
Bei dem “Das Café ohne Namen” von Robert Seethaler geht es um eine authentische Reise in die Wiener Leopoldsstadt der 60er und 70er Jahre. Es ist das dritte Buch von Robert Seethaler, das wir gelesen haben, und es hat unsere Erwartungen erneut erfüllt. Seethaler gelingt es, einen tiefgründigen Einblick in das Leben der ärmeren Schichten in diesem Stadtteil zu dieser Zeit zu bieten.
Im Zentrum der Geschichte steht Robert Simon, der sich mit der Eröffnung seines Cafés einen Lebenstraum erfüllt. Dieses Café wird zur Bühne, auf der die verschiedenen Charaktere erscheinen, wir ein bisschen von ihnen erfahren, und die dann wieder verschwinden um dann wieder aufzutauchen. Dabei offenbart sich dem Leser nach und nach das Leben der Menschen, die das Café besuchen. Die Schicksale sind oft tragisch, doch Seethaler gelingt es, diese nüchtern und zugleich mitfühlend zu schildern, ohne dabei sentimental oder kitschig zu werden. Seine Darstellung ist stets von großer Menschlichkeit geprägt.
Kritik gab es jedoch an der Hörbuchversion des Romans. Besonders der Dialog zweier Frauen, die regelmäßig das Café besuchen und deren Worte oft eine besondere Bedeutung haben, wurde wenig einfühlsam vorgetragen. Es entstand der Eindruck, als hätte der Sprecher eine Abneigung gegen diese Figuren, was den Hörer irritiert zurücklässt.
Historische Ereignisse werden nur sporadisch integriert, doch für Menschen, die in dieser Zeit in Österreich lebten, wecken die Erwähnungen von Persönlichkeiten wie Bundeskanzler Kreisky oder des Einsturzes der Reichsbrücke nostalgische Erinnerungen.
Eine zentrale Frage bleibt: Wollte der Autor mit seinem Werk eine Botschaft vermitteln? Die Themen des Buches kreisen um erfüllte und gescheiterte Träume, Einsamkeit, finanzielle Sorgen und persönliche Enttäuschungen. Der Protagonist ist ein guter Mensch, der anderen helfen will, doch er bleibt realistisch: Wenn die Dinge nicht nach Wunsch laufen, sucht er die Schuld nicht bei anderen, sondern übernimmt die Verantwortung für sein eigenes Handeln – etwas, das in den USA immer seltener anzutreffen ist.