Zehn Bilder einer Liebe von Hannes Köhler

Nach „Ein mögliches Leben“ war dies das zweite Buch von Hannes Köhler, das wir gelesen haben. Alle waren von Köhlers Schreibstil beeindruckt, und auch das Thema hat – bis auf eine Ausnahme – allen sehr gut gefallen. Es war ein Experiment des Autors, der wissen wollte, ob man eine Liebesgeschichte ohne Kitsch und Klischees erzählen kann. Und unserer Meinung nach ist ihm das ausgezeichnet gelungen.

Die Protagonisten des Romans „Zehn Bilder einer Liebe“, David und Luisa, begegnen sich nach einem ganz kurzen Intermezzo auf Milos – das mit einem Gespräch am Strand und einem Kuss endet – Jahre später zufällig wieder. Dieses Mal bleiben sie zusammen. Mit Ronya, der Tochter der um einige Jahre älteren Luisa, bilden sie eine Patchwork-Familie. David wächst immer mehr in die Vaterrolle hinein und äußert schließlich den Wunsch nach einem eigenen Kind. Doch gerade dieser Kinderwunsch wird zur Zerreißprobe.

Wir erhalten Einblick in die Gedanken und Empfindungen von David und Luisa. Es sind unterschiedliche Perspektiven, jedoch nie über dieselbe Situation – und gerade das hat uns besonders gefallen. Auch in diesem Buch zeigt sich wieder das große Einfühlungsvermögen des Autors, das es ihm ermöglicht, alle Figuren sehr vielschichtig darzustellen. Niemand ist nur gut oder nur schlecht, nichts ist nur schwarz oder weiß. Alle Charaktere sind komplex, menschlich und haben Tiefe.

Das Buch enthält viele eindrucksvolle Passagen, zum Beispiel diese:

„Bedingungslose Liebe. Mutterliebe. Sie glaubt nicht daran. Nicht bei Ronya, nicht bei David. Sie will das nicht. Und sie glaubt nicht, dass das eine schlechte Sache ist. Es ist nicht gesund. Liebe ohne Bedingungen, ohne Grenzen, ist eine Liebe, die auch Gewalt ertragen würde, Lieblosigkeit von der anderen Seite. Scheiß auf Romantik, die düstere, die schwere. Aufgeklärte Liebe, denkt sie, ist keine schwächere Liebe, Liebe, die jeden Tag oder jede Minute aufs Neue entscheidet, dass sie bleibt, ist am Ende viel mehr wert.“

Es hat uns gutgetan, ein solches Buch zu lesen, das trotz aller Herausforderungen ein gutes Ende hat – denn die Zeiten sind schwierig, bei uns in den USA ebenso wie in Europa und vielen anderen Regionen. Wir können das Buch uneingeschränkt empfehlen, und es wird sicherlich nicht das letzte Buch von Köhler sein, das wir gelesen haben.

Verbrechen von Ferdinand von Schirach

In dem Buch „Verbrechen“ erzählt der Autor Ferdinand von Schirach nach eigener Aussage wahre Geschichten. Uns allen hat dieses Werk sehr gefallen, da es einerseits leicht zu lesen ist, andererseits aber eine erstaunliche Tiefe entfaltet. Obwohl der Schreibstil sachlich und nüchtern wirkt, enthalten die Erzählungen zahlreiche Details, die einen emotional berühren, sodass das Leiden vieler Protagonisten geradezu spürbar wird. Besonders fasziniert hat uns jedoch die objektive Herangehensweise des Autors: Er überlässt es dem Leser, am Ende selbst zu entscheiden, wie er den Fall beurteilt – ob seine Sympathie eher dem Angeklagten und dem Opfer gilt, oder ausschließlich dem Opfer oder vielleicht sogar ausschließlich dem Angeklagten.

In der ersten Geschichte „Fähner“, die von einer extrem dysfunktionalen Ehe handelt, lässt Schirach durch seine präzise und zugleich ruhige Erzählweise schon früh die nahezu unausweichliche Konsequenz erahnen. In anderen Geschichten hingegen überrascht er mit unerwarteten Wendungen.

Enttäuschend war für diejenigen, die sich für die Hörbuchversion entschieden hatten, dass darin drei Geschichten ohne jede Erklärung ausgelassen wurden – ein Umstand, der uns erst in der Buchbesprechung auffiel.

Für uns war besonders interessant, dass Ferdinand von Schirach immer wieder kurze, aber dennoch ausreichende Informationen über das deutsche Rechtswesen einfließen lässt – insbesondere zum Ablauf von Prozessen. Darüber haben wir ausführlich diskutiert, denn während die Rechtsquelle im amerikanischen System die Common Laws sind, beruht das deutsche Recht auf einem kodifizierten, gesetzesorientierten System. Zudem gibt es in Deutschland Laienrichter, die sogenannten Schöffen, während ein klassisches Jury-System wie in den USA nicht existiert.

Auch über die einzelnen Geschichten haben wir intensiv debattiert, wobei jeder seine zwei Favoriten nannte. Die meisten Stimmen erhielten „Der Igel“„Der Äthiopier“ und „Glück“. Aber auch „Der Dorn“ und „Tanatas Teeschale“ haben jeweils eine Stimme erhalten.

Wir können dieses Buch uneingeschränkt empfehlen – als Sommerlektüre war es geradezu ideal!

Dschinns by Fatma Aydemir

Wir waren alle begeistert von Fatma Aydemirs Familien- und Gesellschaftsroman Dschinns. Die Migrationsgeschichte überzeugt nicht nur durch die Vielzahl an gesellschaftlich relevanten Themen, sondern auch durch ihre raffinierte Erzählstruktur: Sechs Perspektiven wechseln sich kapitelweise ab. Den Anfang und das Ende bilden die Eltern – Vater und Mutter –, die 1979 aus der Türkei nach Deutschland ausgewandert sind. Dazwischen kommen die vier Kinder zu Wort, deren jeweilige Auseinandersetzung mit Herkunft, Identität und Tradition sehr unterschiedlich ausfällt.

Besonders beeindruckt hat uns die älteste Tochter, die in ihren ersten Lebensjahren bei den Großeltern zurückbleiben musste und nie eine reguläre Schulbildung erhielt. Trotz widriger Umstände lässt sie sich nicht unterkriegen und geht ihren eigenen Weg. Sie erscheint als die stärkste und sympathischste Figur, da sie es schafft, aus dem „kulturellen Gefängnis“ auszubrechen, in dem ihre Mutter ein Leben lang gefangen bleibt.

Der Roman veranschaulicht eindringlich die oft quälende Ohnmacht verschiedener Generationen innerhalb einer unterprivilegierten türkischen Familie in der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Aydemir gewährt tiefe Einblicke in den inneren Konflikt der Kinder, die sich mit ihrer Identität auseinandersetzen müssen – erschwert durch eine familiäre Sprachlosigkeit, in der über Wichtiges oder Schmerzhaftes kaum gesprochen wird. Gleichzeitig sehen sie sich mit Diskriminierung und dem Balanceakt zwischen zwei Kulturen konfrontiert.

Thematisch bietet Dschinns eine beeindruckende Vielfalt: weibliche Selbstermächtigung, Rassismus, Diskriminierung, Klassismus und Sexualität werden sensibel und gekonnt miteinander verwoben. Der Roman ist ein vielschichtiges Porträt einer migrantischen Familie und zugleich ein Spiegel gesellschaftlicher Realitäten.

Auch die Hörbuchfassung wurde von den Zuhörenden sehr geschätzt: Die Leserin verleiht den unterschiedlichen Figuren mit variierenden Stimmen Tiefe und transportiert die Atmosphäre des Romans eindrucksvoll.

Dschinns ist ein eindrucksvolles, vielschichtiges Buch, das wir uneingeschränkt empfehlen können – und wir sind sicher, dass es nicht unser letzter Roman von Fatma Aydemir gewesen ist.

Cafe ohne Namen von Robert Seethaler

Bei dem “Das Café ohne Namen” von Robert Seethaler geht es um eine authentische Reise in die Wiener Leopoldsstadt der 60er und 70er Jahre. Es ist das dritte Buch von Robert Seethaler, das wir gelesen haben, und es hat unsere Erwartungen erneut erfüllt. Seethaler gelingt es, einen tiefgründigen Einblick in das Leben der ärmeren Schichten in diesem Stadtteil zu dieser Zeit zu bieten. 

Im Zentrum der Geschichte steht Robert Simon, der sich mit der Eröffnung seines Cafés einen Lebenstraum erfüllt. Dieses Café wird zur Bühne, auf der die verschiedenen Charaktere erscheinen, wir ein bisschen von ihnen erfahren, und die dann wieder verschwinden um dann wieder aufzutauchen. Dabei offenbart sich dem Leser nach und nach das Leben der Menschen, die das Café besuchen. Die Schicksale sind oft tragisch, doch Seethaler gelingt es, diese nüchtern und zugleich mitfühlend zu schildern, ohne dabei sentimental oder kitschig zu werden. Seine Darstellung ist stets von großer Menschlichkeit geprägt.

Kritik gab es jedoch an der Hörbuchversion des Romans. Besonders der Dialog zweier Frauen, die regelmäßig das Café besuchen und deren Worte oft eine besondere Bedeutung haben, wurde wenig einfühlsam vorgetragen. Es entstand der Eindruck, als hätte der Sprecher eine Abneigung gegen diese Figuren, was den Hörer irritiert zurücklässt.

Historische Ereignisse werden nur sporadisch integriert, doch für Menschen, die in dieser Zeit in Österreich lebten, wecken die Erwähnungen von Persönlichkeiten wie Bundeskanzler Kreisky oder des Einsturzes der Reichsbrücke nostalgische Erinnerungen.

Eine zentrale Frage bleibt: Wollte der Autor mit seinem Werk eine Botschaft vermitteln? Die Themen des Buches kreisen um erfüllte und gescheiterte Träume, Einsamkeit, finanzielle Sorgen und persönliche Enttäuschungen. Der Protagonist ist ein guter Mensch, der anderen helfen will, doch er bleibt realistisch: Wenn die Dinge nicht nach Wunsch laufen, sucht er die Schuld nicht bei anderen, sondern übernimmt die Verantwortung für sein eigenes Handeln – etwas, das in den USA immer seltener anzutreffen ist.