In Dörte Hansens Roman “Zur See” wird das Leben auf einer kleinen Nordseeinsel eindrucksvoll geschildert. Der Schreibstil ist schlicht, zugleich poetisch und voller interessanter Redewendungen – ein wahrer Genuss für den Leser. Durch diese klare und unaufgeregte Sprache werden die Eigenheiten der dort lebenden Einheimischen ebenso wie die der Touristen präzise und nüchtern beschrieben. Da die Figuren kaum sprechen, gibt es nur wenig Dialog – ein Stilmittel, das die Atmosphäre der Insel hervorragend einfängt.
Obwohl die Handlung keine großen Spannungsbögen aufweist – ein Umstand, der von einem unserer Mitglieder etwas kritisiert wurde –, entfaltet sich dennoch ein tiefer Einblick in die stille, aber kraftvolle Verbindung der Inselbewohner mit ihrer Heimat. Anfänglich mag es den Eindruck erwecken, dass niemand in der Lage ist, seine Gefühle auszudrücken. Doch gerade in dieser Zurückhaltung liegt eine subtile Intensität, die den Leser auf eindringliche Weise berührt.
Die Autorin veranschaulicht den Strukturwandel auf der Insel anhand der alteingesessenen Familie Sanders. Ein intaktes Familienleben gibt es für die Eltern Jens und Hanne sowie ihre drei Kinder Ryckmer, Eske und Henrik schon lange nicht mehr. Jens und Ryckmer fuhren früher, wie viele Generationen vor ihnen, zur See. Doch die traditionellen Seefahrerberufe sterben aus, während der Tourismus als neue Einnahmequelle an Bedeutung gewinnt. Jeder in der Familie geht mit diesem Wandel anders um: Jens zieht sich in die Einsamkeit der Vogelbeobachtung zurück, Hanne flüchtet sich in ständige Betriebsamkeit, und Tochter Eske, die im Seniorenheim Seeleute und Witwen pflegt, empfindet die Touristenströme als größere Bedrohung als das Meer selbst. Für sie ist die Inselkultur längst zu einer bloßen Folklore verkommen. Daher interessiert sie sich – wie auch die Autorin selbst – für sogenannte Nischensprachen, um kulturelle Identität und Vielfalt zu bewahren. Das Traurige daran ist, dass jeder eine Rolle spielt bzw. spielen muss und das wirkt sich langfristig negativ aus.
Wir haben diesen Roman mit Begeisterung gelesen und können ihn uneingeschränkt empfehlen. “Zur See” ist ein tiefgründiges Werk, das zum Nachdenken anregt. Es eröffnet Einblicke in ein Leben, das vielen von uns fremd ist – ein Leben, das von der See geprägt wird, die Menschen anzieht, ihnen aber auch gefährlich werden kann. Besonders beeindruckend ist, wie es der Autorin gelingt, alle Charaktere mit großer Empathie und feiner Beobachtungsgabe darzustellen.

