“Zwischen Welten“ ist das zweite Buch von Juli Zeh, das wir gemeinsam gelesen haben. Während „Unterleuten“ bei allen Mitgliedern gut ankam, waren die Meinungen zu diesem Buch deutlich geteilt. Einige fanden es spannend und inhaltlich relevant, andere empfanden es als langatmig oder zu konstruiert.
Die beiden Protagonist*innen, Theresa – eine Bäuerin aus Brandenburg – und Stefan – ein Journalist aus Hamburg – kennen sich noch aus dem Studium. Nach einem zufälligen Wiedersehen nach zwanzig Jahren beginnt ein reger E-Mail- und WhatsApp-Austausch. Darin diskutieren sie über hochaktuelle politische und gesellschaftliche Themen, bei denen sie gegensätzlicher Meinung sind. Die Diskussionen eskalieren mitunter, da beide stark in ihren jeweiligen Positionen verankert sind.
Einige von uns fanden, dass die Figuren weniger wie echte Menschen wirken und eher als Repräsentanten politischer Lager – „links“ und „rechts“ – fungieren. Die Lebensumstände der beiden Charaktere werden zwar anschaulich beschrieben, doch oft gehen sie in ihrer digitalen Kommunikation kaum aufeinander ein. Sie reden aneinander vorbei, hören nicht wirklich zu, und vieles wird reflexhaft mit Empörung aufgenommen – unabhängig davon, ob es einen realistischen Hintergrund hat oder nicht.
Aufschlussreich fanden einige von uns die Schilderungen zur Agrarpolitik, zur Rolle der EU und zur Entwicklung Ostdeutschlands nach der Wiedervereinigung. In diesen Passagen liefert das Buch interessante Einblicke, die über den persönlichen Schlagabtausch der Figuren hinausgehen.
Inhaltlich wirkt das Buch wie eine Metapher – nicht nur für die gesellschaftliche Spaltung in Deutschland, sondern für viele Länder weltweit. Es zeigt auf, wie tief die Kluft zwischen politischen Lagern ist. Der Wille, die andere Seite zu verstehen, fehlt auf beiden Seiten. Ein Dialog scheint kaum mehr möglich.
Vielleicht wird dieses Buch in 50 Jahren als Zeitdokument von Bedeutung sein – ein Spiegel unserer Gegenwart, in der Meinungen unvereinbar erscheinen. Die einen fühlen sich nicht gehört (die Journalisten, die Intellektuellen), die anderen nicht gesehen (die Landwirte, die Unternehmer).
Vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Entwicklungen, insbesondere in den USA, fanden wir es bemerkenswert, dass wir gerade jetzt zu diesem Buch gegriffen haben. Es fängt die Zeit, in der wir leben, treffend ein – aber es bleibt fraglich, ob man als Leser wirklich etwas daraus lernt.
Auffällig für uns war, dass unsere Meinungen über dieses Buch, welches in Zusammenarbeit mit Simon Urban entstanden ist, die Meinungen der Kritiken gut widerspiegeln. Einige Kritiker waren begeistert („ein schlaues, satirisch-scharfes und sehr aktuelles Buch“, andere überhaupt nicht („eine eigentlich gute Idee scheitert krachend an der uninspirierten Umsetzung“).

