“Die Hauptstadt” von Robert Menasse ist der erste Roman über die Europäische Union und es geht darin um europäische Intrigen, Machtmenschen, das europäische Auschwitz-Trauma und auch eine Liebesgeschichte.
Wir waren allen von diesem Buch begeistert und von dem Talent des Autors zutiefst beeindruckt. Die Handlung spinnt sich um die Organisation einer Feier zum 50. Jubiläum der Europäischen Kommission. Robert Menasse schein nicht nur ein versierter Kenner der Strukturen der Europäischen Union zu sein, sondern besitzt auch die Fähigkeit, die Hauptfiguren meisterhaft zu entwickeln und die Handlung und ein komplexes Figurenensemble miteinander in Beziehung zu bringen. Es geht in dem Roman um Geschichte und Gegenwart, Tragik und Komik, Hoffnung und Scheitern und auch um Bürokratie, die Menasse aber als menschlich erscheinen lässt. Er hat mit viel Witz und Ironie auch bravourös langweilige Details interessant gemacht. Menasse hat viel Sinn für Humor!
Alfred Hitchcock prägte den Ausdruck „McGuffin“ für Objekte oder Personen, die Handlungen auslösen oder vorantreiben, ohne während der Handlung selbst von besonderem Nutzen zu sein. Wir haben an diesen Ausdruck gedacht, da die Handlung auch gekonnt mit einem ab und zu in Brüssel auftauchenden Schwein verbunden ist, das einmal ein komisches, ein anderes Mal ein verstörendes, aber immer ein irgendwie symbolisches Ereignis ist.
Weil so viele Charaktere eine Rolle spielen, waren die ersten Seiten etwas schwierig. Aus diesem Grund war auch die Hörversion eine Herausforderung. Allerdings fanden diejenigen, die sich für das Hörbuch entschieden haben, dass der Vorleser sehr engagiert klang. Trotzdem war der Roman ein Genuss.
Einige von uns waren von dem Auschwitz-Überlebenden David De Vriend berührt, der seinem letzten Lebensabschnitt in einem Altersheim verbringt und von der Pflegerin Josephine mit ihrer Verhaltensweise fast dehumanisiert wird. Ein bemerkenswertes Buch dieses politischen Romanciers, das wir nur empfehlen können.

