Ein mögliches Leben von Hannes Köhler

Der Roman des Berliner Autors Hannes Köhler “Ein mögliches Leben” hat allen von uns gefallen. Vielleicht auch deshalb, weil wir in den USA leben und es in dem Roman um die Erfahrungen eines deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg in amerikanischer Kriegsgefangenschaft geht. Einige von uns wussten nichts über deutsche Kriegsgefangene in den USA, andere wiederum haben ehemalige Kriegsgefangene persönlich kennengelernt. Das Buch war gut geschrieben, und es gab einige interessante Themen. Die einzige Kritik ist vielleicht, dass bei ein paar Themen, besonders bei der Beschreibungen der Familienbeziehungen, eine bestimmte “Formel” , die auch andere Autoren vor Köhler verwendeten, eingehalten wurde. Der Autor hat einige Monate in den USA verbracht, mit ehemaligen Kriegsgefangenen gesprochen und die Stimmung in den Kriegsgefangenenlagern sehr gut erfasst.

Es war schön zu lesen, dass die deutschen Kriegsgefangenen von den Amerikanern sehr gut behandelt und versorgt wurden, ganz im Gegensatz zur moderneren Geschichte der USA, wo die Bestimmungen des Genfer Abkommens über die Behandlung der Kriegsgefangenen mit der Ausrede, dass es sich um “illegale Kombattanten” handelt, nicht eingehalten wurden.

Die Beschreibung der unterschiedlichen ideologischen Einstellungen und deren Auswirkungen auf die Lagerinsassen war beeindruckend. In diesen Lagern gab es Leute, denen die Linientreue ungemein wichtig war und die trotz der auftauchenden Tatsachen fest an den Endsieg der Deutschen glaubten und Andersdenkende malträtierten. Was uns wiederum an die politische Situation in den USA erinnert, wo für so Viele Tatsachen irrelevant sind.

Drei Mitglieder haben das Hörbuch gewählt und es wurde erwähnt, dass der Sprecher das eigentlich ganz gut gemacht hat, sein Englisch allerdings sehr schlecht war und das doch eine Rolle spielte.

Ein Mitglieder war sogar bei einer Lesung in Deutschland dabei und teilte uns ein bisschen über die Gedanken des Autor beim Schreibprozess mit.

Wir hoffen alle, dass dieses Buch eines Tages ins Englische übersetzt wird. Wir würden es auf alle Fälle weiterempfehlen. Wir stimmten der einzigen Rezension, die wir online finden konnten, nicht zu. Obwohl sie im Großen und Ganzen positiv war, fand der Rezensent das Buch zweifach out of date. Das sahen wir anders.

Ein ganzes Leben von Robert Seethaler

Der Titel von Robert Seethaler’s Buch hätte auch “Ein einfaches Leben”,  “Ein schwieriges Leben” oder “Ein hartes Leben” sein können. Dieses Mal waren alle Mitglieder dabei und haben “Ein ganzes Leben” fertig gelesen, denn das Buch ist kurz und leicht zu verstehen. Es hat uns ausnahmslos gut gefallen und eigentlich waren viele von uns sehr berührt,  manche sogar zutiefst ergriffen. Das Leben des Protagonisten Andrea Egger’s Kindheit war traumatisch und im Grunde genommen ist sein gesamtes Leben voller Rückschläge, Herausforderungen und Enttäuschungen. Trotzdem hat er kein Selbstmitleid, und nimmt alles so an wie es kommt ohne zu klagen. Im Gegenteil, am Ende blickt Egger auf sein Leben zurück und ist zufrieden. 
 
Es handelt sich hier aber nicht nur um die Biografie eines Außenseiters, der in den Bergen wohnt, da der Autor auch wichtige Geschehnisse von fast einem Jahrhundert anspricht, u.a. den Bau von Seilbahnen und Schiliften, den Zweiten Weltkrieg, die Mondlandung und die Einführung des Fernsehen. 
 
Aber für viele von uns war das Hauptthema der Tod. Das Thema wird immer wieder im Buch angesprochen. Aber der Tod machte Andrea Egger keine Angst – er ist einfach Teil des Lebens. 
 
Wir sind große Fans von Seethaler und dieses Buch ist besonders in Zeiten wie diesen relevant. Wir sind beeindruckt vom Protagonisten und können viel von ihm lernen – dankbar und zufrieden zu sein, das Leben zu akzeptieren so wie es ist und in der Gegenwart zu leben. 
 
Hermann Hesse hätte dieses Buch wahrscheinlich genossen. Es hat irgendwie einen buddhistischen Hauch. Alles ist im Moment and alles hat seinen Wert. Wir können diese Lektüre nur empfehlen!

Ikarien von Uwe Timm

Wir sind alle Uwe Timm-Anhänger und haben zahlreiche Werke von ihm gelesen, deshalb war klar, dass wir “Ikarien” nicht auslassen werden. Auch der Corona-Virus konnte uns nicht davon abhalten und wir haben dieses Buch bei zwei Treffen via Zoom besprochen. Den meisten hat es gut gefallen, einige waren allerdings von diesem Roman weniger begeistert. Ein paar Mitglieder haben dieses Mal das Hörbuch gewählt und dieses empfohlen. Sie fanden es besonders gut, nicht nur weil es in dem Roman vierzehn Interviews gibt und es dadurch als Hörfassung besonders geeignet ist, sondern auch weil der Schauspieler Ulrich Noethen das so geschickt macht und beindruckend ist.

In Uwe Timms Werk geht es um die Geschichte zweier Utopisten, Alfred Ploetz und Wagner, und die Aufhebung sozialer Ungleichheiten in der Gesellschaft. Alfred Plotz entwickelt sich zu einem der tollwütigsten Eugeniker und Rassenhygieniker. „Ikarien“ ist historisch gesehen und vom Thema her sehr interessant, war aber etwas zu zwei-dimensional. Man hat den Eindruck bekommen, dass Uwe Timm mit diesem Projekt doch gekämpft und zu viele Themen angeschnitten hat.

Bei unserer Diskussion ging es u.a. um die Fragen Schuld, Gewissen, Täter, Mitläufer, Tier- und Menschenversuche, Zwangssterilisierungen und auch darum, wie treffend einige dieser Themen in der heutigen Situation sind, besonders in den USA.

Einige Mitglieder haben auch über ihre persönlichen Erfahrungen mit den Amerikahäusern erzählt; es ging hier nicht nur um Propaganda, sondern auch um den Zugang zur amerikanischen Literatur und Kultur. Und da wir ja ein Leserkreis in den USA sind, fanden wir es interessant, dass zwei utopischen Kolonien in Amerika eine Rolle im Buch spielen, die Ikarier und die Amana Gemeinde.

Beim ersten Treffen haben wir einige Rezensionen besprochen und beim zweiten Treffen haben wir etwas mehr über andere Personen und Themen, die im Buch erwähnt wurden, gelesen, wie Gerhart Hauptmann, Ernst Rüdin, Wera Nikolajewna Figner, die Amanakolonien, Willibald Hentschel, Nueva Germania und Gustav Landauer.

Es gab viele wunderbare Zitate in diesem Buch und einige Ausführungen über deutschsprachige Wörter (z.B. Zaunkönig) und Wortfamilien haben uns gut gefallen. Eine Aussage des Deutsch-Amerikaners Hansen, der die Interviews mit Wagner führte, wurde besonders hervorgehoben: „Wie können die Leute, die hier leben, in einer Landschaft, die Gott in einer besonders heiteren Stimmung geformt haben muss, wie können die so barbarische geworden sein, dass sie umbrachten, ermordeten, verhungern ließen, akribische Versuche an Mensch durchführten und sie zu Tode quälten.?“

Wir sind alle dankbar, dass Buch gelesen zu haben, denn es regt einen zum Nachdenken an.

Tyll von Daniel Kehlmann

Wir lassen uns auch vom Coronavirus nicht abhalten und konnten per Zoom dieses wunderbare Buch von Daniel Kehlmann besprechen. Außerdem ist es für uns auch wichtig, regelmäßig Deutsch zu sprechen und wir werden somit die nächsten Bücher virtuell besprechen, so lange das notwendig ist.


“Tyll” hat ausnahmslos allen gefallen. Wir sind totale Kehlmann-Anhänger und haben fast alle Bücher von ihm gelesen. In diesem Roman versetzt Kehlmann die Figur eines in der deutschen Volksgeschichte bekannten Gauklers in den Dreißigjährigen Krieg. Diese brillante Idee ermöglichte es dem Autor, über die Gräuel des Krieges in den verschiedenen Gesellschaftsschichten zu berichten, denn ein Gaukler taucht ja überall auf, auch unter den Adeligen!


Wir waren alle vom Schreibstil und vom Thema begeistert und das Buch war leicht zu lesen. Es gab wirklich nichts an diesem Werk auszusetzen – es ist eine literarische Meisterleistung. Kehlmann jongliert kunstvoll mit Fiktion und Realität und beschreibt einfühlsam das Alltagsleben in der Zeit dieses Religionskrieges.


Wir haben das Buch in zwei Teilen gelesen und beim ersten Mal die Biografie von Kehlmann und einige Rezensionen besprochen und  beim zweiten Treffen etwas über den Dreißigjährigen Krieg, Till Eulenspiegel und die Winterkönigin gelesen. Wir haben also nicht nur ein tolles Buch gelesen, sondern auch viel gelernt!


Schäfchen im Trockenen von Anke Stelling

Die Meinungen über diverse Aspekte dieses Buches waren teilweise etwas unterschiedlich aber mit Ausnahme von einem Mitglied hat es allen gut gefallen und zwei Mitglieder haben es geliebt bzw. sehr genossen. In diesem Roman von Anke Stelling geht es im Grunde genommen um ein ganz bestimmtes Milieu: Mittvierziger, die einst mit linken Idealen nach Berlin kamen und jetzt im Prenzlauer Berg Baugruppenhäuser für sich und ihre Familien errichten.

Besonders den Einblick in die Auswirkungen der Klassenschichten in einer anderen Kultur fanden viele sehr interessant, denn in diesem Buch wurden viele gesellschaftliche Themen angesprochen. Allerdings mit einer solchen Wut und Ehrlichkeit, was beim Lesen oft  unangenehme Gefühle hervorbrachte, was ja offensichtlich die Absicht der Autorin war. Aus diesem Grund gab es die verschiedensten Meinungen über die Protagonistin Resi; einige fanden sie unsympathisch, andere aufgrund ihrer Ehrlichkeit bewundernswert; andere wiederum sehr egozentrisch und nicht einsichtig genug gegenüber ihren eigenen Schwächen.  Uns ist klar, dass Resi verstanden werden wollte, aber ihre Vorgangsweise war für viele von uns etwas fragwürdig. Resi schien alles schwarz oder weiß zu sehen, wenn im Leben ja eigentlich nichts eindeutig schwarz oder weiß ist.

Unsere Diskussion war sehr lange und ausführlich und umfasste viele Themen; u.a. die Heuchelei der Welt, emotionaler Inzest, die Wohlstandsgesellschaft, die Wunden der Kindheit und ihre Auswirkungen, Schwierigkeiten bei der Kindererziehung, das Leben und Milieu am Prenzlauer Berg. Der Autorin ist es gelungen, dem Leser einen Einblick zu geben in das “Mittelschichtdasein”, die Angst, nicht dazu zu gehören, und auch darüber wie schwierig es ist, ohne finanzielle Rückendeckung der Eltern sich selbst zu verwirklichen, insbesondere mit mehreren Kindern.

Da wir ja keine Muttersprachler sind, war der Anfang des Buches allerdings für fast alle etwas verwirrend, weil die Autorin zahlreiche Charaktere relativ rasch vorstellt und es immer wieder Rückblenden gibt.

Das Buch hat einen besonderen Platz im Herzen aller Mitglieder. Es war das großzügige Geschenk von Mitgliedern des Lesekreises “Klappentext, Lübeck,” die uns „Leseratten“ in Washington besuchten. Sie besorgten Exemplare für jeden von uns, die die Autorin freundlicherweise signiert hatte. Was für eine wunderbare Geste! Wir sind alle sehr dankbar und wirklich froh, dieses Buch gelesen zu haben.