Viele von uns fanden den Gesellschaftsroman über das fiktive Dorf „Unterleuten“ in Brandenburg von Julia Zeh anfangs schwierig zu lesen. Es dauert einige Kapitel, bis man genug über die vielen Charaktere weiß und versteht, was für sie wichtig ist und ob jemand altansässig oder zugezogen ist. Das Buch ist sehr gut geschrieben, und da man nach einigen Kapiteln mit den zahlreichen Protagonisten vertraut ist, liest sich der zweite Teil wesentlich leichter.
Das Dorf scheint zunächst idyllisch, doch als eine Investmentfirma plant, einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft zu errichten, brechen alte Streitigkeiten wieder auf, die lange Zeit unterdrückt wurden. Besonders problematisch ist die Frage, welche zwei Grundstücke und drei Personen für den Windpark in Frage kommen, da derjenige, der den Zuschlag erhält, finanziell ausgesorgt hat. Das Geschehen spielt im Jahr 2010, doch die Zeit vor und nach der Wende, wer davon profitiert hat und wer nicht, sowie die damit verbundenen Gefühle drohen das soziale Gefüge des Dorfes zu sprengen. Der Unterschied zwischen den Einheimischen aus dem Osten und den „Zugereisten“ aus dem Westen, die die ungeschriebenen Regeln des Dorfes nicht beachten, wird eindrucksvoll dargestellt. Es gibt Bewohner aus verschiedenen Schichten: einige sind alt, einige jung, einige wohlhabend, andere leben in Armut.
Der Roman ist in sechs Teile gegliedert, die wiederum in Kapitel unterteilt sind, die die Namen der Figuren tragen, aus deren Perspektive erzählt wird. Der Roman wurde 2018 für das ZDF verfilmt, und es gibt auch eine Hörbuchversion, für die sich einige Mitglieder entschieden haben. Zusätzlich gibt es eine Homepage für Unterleuten mit einem Namensverzeichnis, das wir beim Lesen als sehr hilfreich empfanden und das den Eindruck vermittelt, der Roman sei keine Fiktion.
Am Ende wird klar, dass jeder im Dorf Dinge annimmt, die überhaupt nicht stimmen. Alle glauben, dass sie recht haben, jeder denkt nur an sich und seine eigenen Interessen. Es stellt sich die Frage, ob in der Gegenwart noch eine Moral jenseits des Eigeninteresses existiert. Es ist jedoch erwähnenswert, dass Familienangehörige eine große Rolle bei der Motivation der Figuren spielen.
Wir fanden den Perspektivenwechsel und die Themen interessant, und die Sprache ist wunderbar. Es gibt auch einige spannende Details wie Unfälle, Selbstmorde und Gewaltakte. Und die Geschichte selbst ist ungewöhnlich.

