“Kairos” ist das dritte Buch von Jenny Erpenbeck, das wir gelesen haben, und auch dieses Mal waren wir vom Schreibstil zutiefst beeindruckt. Während unserer Diskussion entwickelten sich bei der Beurteilung des Buches drei Kategorien: Schreibstil, Integration der geschichtlichen Hintergründe, und die Affäre. Denn „Kairos“ ist ein Roman, der in den 1980er Jahren in Ostdeutschland spielt, einer Zeit bedeutender politischer und sozialer Umwälzungen, die zum Fall der Berliner Mauer führten. Die Geschichte dreht sich um eine komplexe und letztlich zerstörerische Affäre zwischen Katharina, einer 19-jährigen Frau, und Hans, einem verheirateten Mann, der 34 Jahre älter ist als sie.
Der Autorin gelingt es, die Machtdynamik und die emotionale Manipulation innerhalb der Affäre, parallel zu den größeren politischen Spannungen und Umwälzungen in Ostdeutschland zu dieser Zeit zu entwickeln. Hans übt die Kontrolle über Katharina aus, insbesondere durch psychischen Missbrauch, indem er sie zum Beispiel zwingt, sich Tonbandaufnahmen mit Anschuldigungen und Beleidigungen anzuhören. Dieser Teil des Buches wurde für die meisten von uns zeitweise unerträglich (und unbehaglich) – was wahrscheinlich die Absicht der Autorin war. Allerdings ist diese Beziehung eine Metapher für die breiteren gesellschaftlichen Veränderungen und spiegelt Themen wie Macht, Verrat und die Suche nach Identität in einem zusammenbrechenden politischen System wider.
Weiters zeichnet sich der Roman durch seine reich strukturierte Prosa und seine Fähigkeit aus, die Orientierungslosigkeit und Komplexität des Lebens in einer Gesellschaft zu vermitteln, die am Rande eines dramatischen Wandels steht. “Kairos” fordert den Leser heraus, über die Überschneidung von persönlicher und historischer Zeit, die Natur der Erinnerung und die Auswirkungen politischer Umwälzungen auf das Leben des Einzelnen nachzudenken.
Diesbezüglich was es besonders interessant, mehr über die unterschiedlichen Gesichtspunkte der „Wessies“ und „Ossies“ zu erfahren. Die Westdeutschen dachten, dass die Befreiung das Wichtigste und nur positiv war, haben aber nie bedacht, was die Wende für die einzelnen Ostdeutschen bedeutete. Viele haben ihre Jobs verloren und das Materielle wurde plötzlich wichtiger. Eine große Unsicherheit breitete sich aus, besonders in der älteren Generation und laut den Westdeutschen war plötzlich alles falsch, was die Ostdeutschen gemacht hatten. Und niemand im Westen konnte oder wollte sehen, was die Ostdeutschen alles verloren haben.
Wir sind nicht überrascht, dass dieses Buch ins Englische übersetzt wurde und den „International Book Prize“ erhalten hat.

