Nach vielen Jahren haben wir uns entschieden, wieder ein Buch von Hermann Hesse zu lesen – und wurden nicht enttäuscht. Sein Schreibstil ist schlichtweg wunderschön, und sein tiefgehender Einblick in die menschliche Psyche beeindruckt immer wieder. Die Einflüsse seiner psychotherapeutischen Sitzungen mit J.B. Lang, einem Schüler C.G. Jungs, sowie sein schriftlicher Austausch mit Jung selbst sind in “Narziß und Goldmund” klar erkennbar.
Zentrale Themen des Romans sind die Suche nach Identität, die Spannung zwischen Geist und Sinnlichkeit, Denken und Fühlen, Askese und Lebenslust sowie die Bedeutung von Kunst und Spiritualität.
Die Geschichte spielt im Mittelalter und dreht sich um zwei ungleiche Freunde: Narziß, ist ein intellektuell-strenger Mönch, der sich ganz der Welt des Geistes verschrieben hat. Er verkörpert Vernunft, Ordnung und Askese. Goldmund hingegen ist ein lebensfroher, künstlerisch begabter junger Mann, der das Kloster verlässt, um die Welt zu erkunden. Auf seiner Reise sucht er Schönheit, Liebe und Sinnlichkeit – er symbolisiert das kreative, emotionale Prinzip.
Der Roman beginnt mit dem Kennenlernen der beiden Protagonisten im Kloster und es wir schnell klar, dass sie sich sofort zueinander hingezogen fühlen. Goldmund bewundert Narziß, doch dieser erkennt früh, dass Goldmund nicht für das klösterliche Leben bestimmt ist. Er bestärkt ihn darin, seinen eigenen Weg zu gehen, statt sein wahres Selbst zu unterdrücken. Dadurch zeigt sich, dass Narziß’ Zuneigung zu Goldmund etwas Erhabenes hat – eine Liebe, die auf tiefer Erkenntnis beruht.
Besonders eindrucksvoll ist die Rolle der Kunst als spirituelle Erfahrung. Goldmund begreift im Laufe seines Lebens, dass wahre Kunst nicht nur Schönheit darstellt, sondern eine höhere Wahrheit über das Leben und die Seele ausdrückt. Seine Werke spiegeln seine Erlebnisse und seine Suche nach der mütterlichen Urkraft wider – eine Sinnlichkeit, die in seine Kunst einfließt und sie mit Leben erfüllt.
Der Autor bezeichnet Narziß und Goldmund in einem 1928 geschriebenen Aufsatz als
“Seelenbiographien (…): In allen handelt es sich nicht um Geschichten, Verwicklungen und Spannungen, sondern sie sind im Grunde Monologe, in denen eine einzige Person in ihren Beziehungen zur Welt und zum eigenen Ich betrachtet wird.”
Obwohl der Roman im Mittelalter spielt, sind seine Themen zeitlos. Narziß und Goldmund ist ein Buch, das man unbedingt gelesen haben sollte.


Ich liebe dieses Buch! Danke für die wunderbare Besprechung!