Gott der Barbaren von Stephan Thome

Der Roman über eine christliche Aufstandsbewegung, die sogenannte Taiping-Rebellion, sowie dem Opiumkrieg im China des 19. Jahrhunderts ist eine Meisterleistung! Die Beschreibungen des Terrors und der Zerstörung, denen 20 – 30 Millionen Menschen zum Opfer fielen basieren auf beindruckenden Recherchen und verweisen auf die tiefen Chinakenntnisse des Autors. Der Leser lernt nicht nur viel über das alltägliche Leben in China, sondern bekommt auch einen Einblick in das Leben idealistischer Missionare, u.a. dem deutschen Missionar Phillip Neukamp, einer der Protagonisten. Weitere Hauptfiguren sind der britische Sonderbotschafter Lord Elgin, der ein englisch-französisches Expeditionskorps anführt und der Chinese Zeng Guofan, Anführer einer privaten Söldnertruppe. Wichtig ist auch der Anführer der christlichen Rebellen, der sich für den zweiten Sohn Gottes hält. Aber es gibt auch zahlreiche andere Nebenfiguren, die viel zum Erfolg des Romans beitragen.

Die überwiegende Meinung über dieses anspruchsvolle Buch war positiv. Die Diskussion war sehr ausführlich und lebhaft, denn fast alle Mitglieder waren bei diesem Treffen anwesend. Im Grunde genommen gab es zwei Gruppen. Die erste Gruppe, die an Geschichte und historischen Romanen interessiert ist, hatte eine sehr positive Meinung: „Ich habe das Buch verschlungen“, „ich habe das Buch wirklich genossen“, „ich war vom Text gefesselt“, „ich war vom Schreibstil beeindruckt“, „ich mochte das Buch“. Für die (sehr) Wenigen, die an dem Thema nicht besonders interessiert sind, war das Buch einfach zu lange und detailliert.

Es ist bemerkenswert, dass es der Autor geschafft hat, nicht nur die Schwächen, sondern auch die Stärken der einzelnen Charaktere zu erfassen. Niemand ist ein absolutes Monster. Der Autor bewerkstelligte es problemlos, diese Geschichte lesbar zu machen und große Teile des Buches konnte man leicht „verschlingen“. Die Mischung aus erfundenen Figuren und Fakten ist Stephan Thome gut gelungen und der Leser erfährt so manches, was er bis jetzt nicht gewusst hat. Einige Monologe waren brillant und diese, sowie vereinzelte Zeitungsberichte, waren eine wunderbare Methode bestimmte Philosophien oder interessante Einzelheiten wie zum Beispiel die Einführung der Briefmarken oder der Eisenbahn in England zu integrieren.

Wir leben in Washington D.C. und Umgebung und alle von uns haben Kontakt mit Chinesen, entweder als Ehepartner, als Freunde, als Arbeitskollegen oder als Professoren. Aus diesem Grund haben viele von uns persönliche Erfahrungen mit der chinesischen Kultur und fanden die Kommentare einiger Kritiker, dass die Figurenrede unglaubwürdig war, absolut falsch. Ein Mitglied ist mit der Hakka-Sprache und Kultur durch eine enge Freundschaft vertraut. Der Ehepartner eines Mitglieds ist Chinese und hat sich ein Interview von Thome, in dem er chinesisch spricht angehört und war von seinen Sprachkenntnissen beeindruckt aber vom Akzent überrascht. Diejenigen von uns, die einige der genannten Städte wie Hongkong, Shanghai und Beijing persönlich kennen, konnten sich viele Beschreibungen bildhaft vorstellen.

Natürlich regt das Buch zum Nachdenken an. Wer sind denn nun die Barbaren? Jeder ist davon überzeugt im Recht zu sein und hält die gegnerische Seite für Barbaren. Das wird in diesem Buch deutlich gemacht. Wenn man so ein Buch liest, wird die Handlung aktuell, obwohl alles vor langer Zeit stattgefunden hat. Denn Barbaren sollen nicht menschlich behandelt werden und man muss die Truppen gegen die Feinde aufhetzen. Auch vor der Manipulation von philosophischen Texten wird nicht zurückgeschreckt um ein Ziel zu erreichen. Jede Faktion im Buch glaubt, dass jede Propaganda recht ist, und diese Handlungsweise wird heutzutage auch u.a. von unserem Präsidenten verwendet. Die Propaganda, dass alle Ausländer Vergewaltiger und Verbrecher sind, verbreitet sich leider überall. Mit dieser Einstellung werden wichtige Entscheidungen getroffen. Wir scheinen nie aus der Geschichte zu lernen. Alle Gruppen im Buch denken, dass Gott sie gesegnet hat. Alle haben unmenschlich gehandelt und das Leiden der Bevölkerung war herzzerreißend.

Trotz der positiven Meinung fanden einige das Buch etwas zu lang, für manche gab es zu viele Details. Einige fanden den Anfang hervorragend und den Mittelteil mit den vielen Schlachten etwas schwächer. Andere wiederum hätten mehr über einige Nebencharaktere gewusst oder fanden den Abstand zwischen den Berichten einzelner Personen zu groß.

Die meisten von uns hätten diesem Buch die Stimme gegeben. Wir sind nicht überrascht, dass Stephan Thome bereits zum dritten Mal auf der Shortlist endete! Wir werden auf alle Fälle in den nächsten Jahren andere Bücher von ihm lesen.

Wir haben auch darüber gesprochen, dass wir unter normalen Umständen dieses Buch in zwei Teilen gelesen und dadurch mehr Zeit gehabt hätten. Für fast alle ist Deutsch ja nicht die Muttersprache und wir haben uns trotzdem oft über vielseitige Werke getraut, aber für die großen Werke immer zwei Treffen angesetzt. Aber da wir unsere Meinung vor dem 24. Dezember veröffentlichen mussten, war das dieses Mal nicht möglich. Allerdings wollen fast alle, die es bis zum Treffen nicht geschafft hatten, das Buch zu Ende lesen.

Insgesamt gesehen hat es wirklich viel Spaß gemacht, den Deutschen Buchpreis lesend zu begleiten und wir haben viel dabei gelernt! Es war nett, mehr über andere Lesekreise zu erfahren. Aufgrund der Bewerbung haben wir diese Webseite kreiert und die gesamte Erfahrung wird das Feiern unseres 20jährigen Jubiläums im Mai verschönern.

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