Wir alle fanden Lichtspiel von Daniel Kehlmann – die Geschichte über den beinahe vergessenen Filmregisseur G. W. Papst, der 1939 aus dem amerikanischen Exil zurückkehrte und sich mit den Nationalsozialisten arrangierte – äußerst spannend und interessant. Die Mehrheit von uns hat das Buch sogar geliebt:). Daniel Kehlmann ist ein Meister der Sprache und des Stils. Er versteht es meisterhaft, den Leser zum Schmunzeln zu bringen, wenn Situationen humorvoll sind, und ihn tief zu berühren, wenn die Szenen herzzerreißend werden. Besonders durch subtile Anmerkungen und scheinbar nebensächliche Situationen gelingt es ihm, die allgegenwärtige Angst im Dritten Reich eindrucksvoll einzufangen.
Das Buch enthält zahlreiche hervorragende Szenen, etwa die Begegnungen mit Joseph Goebbels, dem Propagandaminister, Treffen mit Leni Riefenstahl sowie Gespräche mit Greta Garbo und Louise Brooks. Auch der häufige Wechsel der Perspektiven macht die Erzählung besonders facettenreich.
Die sorgfältige Recherche wird spürbar: Viele Themen werden angesprochen, darunter die Gleichgültigkeit gegenüber NS-Zwangsarbeitern, die systematische Gehirnwäsche von Kindern und Jugendlichen, die alltäglichen Böswilligkeiten sowie die teuflischen Kompromisse, die notwendig waren, um im Hitler-Regime zu überleben.
Um all diese Themen anzusprechen, hat Kehlmann allerdings einige Charaktere frei erfunden. Dadurch fehlte es manchen Figuren an Tiefe – nur der Protagonist erhielt einen tieferen Einblick. Besonders deutlich wird, dass für den Protagonisten Kunst über allem stand, während alles andere nebensächlich war. Ein Satz bringt dies besonders treffend auf den Punkt:
„Die Zeiten sind immer seltsam. Kunst ist immer unpassend. Immer unnötig, wenn sie entsteht. Und später, wenn man zurückblickt, ist sie das Einzige, was wichtig war.“
In unserer Diskussion wurde auch angemerkt, dass jedes Kapitel wie eine eigenständige Kurzgeschichte wirkte und der Autor am Ende versuchte, alle Erzählstränge zusammenzuführen – was jedoch nicht ganz überzeugend gelang. Dieser Eindruck war besonders deutlich bei der Hörbuchversion spürbar.
Wir empfanden es als wichtig, dieses Buch gelesen zu haben – und gerade jetzt. Denn Lichtspiel regt dazu an, darüber nachzudenken, wie man selbst handeln würde, wenn man in einem solchen politischen System leben müsste oder überleben wollte. Vielleicht war dies der Grund, warum Kehlmann das Buch geschrieben hat – im Hinblick auf die aktuelle politische Situation in vielen Ländern Europas und in den USA.
Die englische Übersetzung wird in wenigen Wochen erscheinen. Vielleicht trägt sie dazu bei, ein tieferes Verständnis für das Grauen zu vermitteln, das hier oft subtil dargestellt wird – für die alltäglichen Bosheiten, denen viele während der NS-Zeit ausgesetzt waren, und für die ständige Angst, mit der so viele Menschen leben mussten. Und vielleicht regt das Buch auch dazu an, darüber nachzudenken, ob nicht ähnliche Mechanismen heute wieder zu erkennen sind.

