Marzahn, Mon Amour

Wir haben alle das Buch „Marzahn, Mon Amour“ von Katja Oskamp genossen, obwohl es sich nicht um ein großes literarisches Werk im klassischen Sinne handelt. Die Autorin beschreibt ihre eigenen Erfahrungen als Fußpflegerin in einem Studio im Marzahner Plattenbauviertel mit viel Herz, Mitgefühl und Humor. Dabei gelingt es ihr, die unterschiedlichen Charaktere ihrer überwiegend älteren Kundschaft lebendig und authentisch darzustellen. Besonders beeindruckt hat uns ihr großes Verständnis für die Menschen, denen sie begegnet. Sie beschreibt jede Person so, wie sie ist, und begegnet ihr dabei völlig urteilsfrei. Diese Haltung verleiht dem Buch eine besondere Wärme und Menschlichkeit.

Schön ist auch, dass die einzelnen Kapitel den Geschichten ganz gewöhnlicher Menschen gewidmet sind – Menschen, die sonst oft keine Stimme haben. Im Fußpflegestudio sitzen sie auf ihrem „pinken Thron“, erzählen aus ihrem Leben, und die Autorin beziehungsweise Fußpflegerin hört ihnen wirklich zu. Dadurch entstehen berührende und oft überraschende Einblicke in sehr unterschiedliche Lebenswege.

Auch das Verhältnis zu ihren Kolleginnen sagt viel über den Charakter der Autorin und ihr Einfühlungsvermögen aus. Darüber hinaus vermittelt das Buch interessante Eindrücke von der Geschichte dieses Berliner Stadtteils, des Plattenbaus sowie vom Leben in der DDR und den Veränderungen nach der Wende.

Dass das Werk ins Englische übersetzt wurde, überrascht nicht. Besonders bemerkenswert fanden wir jedoch die Geschichte seiner internationalen Erfolgsgeschichte: Die Übersetzung wurde mit dem Dublin Literary Award ausgezeichnet, und die Übersetzerin erhielt 25 Prozent des Preisgeldes – eine schöne Anerkennung ihrer Arbeit. Außerdem entstand auf Grundlage des Buches eine sechsteilige Fernsehserie für die ARD. Eines unserer Mitglieder hat sich die Verfilmung angesehen und berichtete, dass man dort teilweise andere Seiten einzelner Figuren kennenlernt als im Buch.

Die Autorin selbst hat die Hörbuchfassung vorgelesen. Einige Mitglieder unserer Gruppe entschieden sich für diese Version. Da sie keine ausgebildete Sprecherin ist, merkt man dies stellenweise. Interessant war jedoch zu beobachten, wie sich ihre Stimme veränderte, sobald sie Berliner Dialekt sprach: Dann klang sie deutlich direkter, schneller und lebendiger.

Insgesamt können wir „Marzahn, Mon Amour“ sehr empfehlen.

Herkunft von Saša Stanišić

Herkunft ist ein Buch von Saša Stanišić, einem deutschsprachigen Autor, der in einem kleinen Ort in Bosnien geboren wurde, als das Land noch Teil Jugoslawiens war. Während des Jugoslawienkrieges floh er 1992 im Alter von 16 Jahren nach Deutschland.

Der Mehrheit von uns hat dieses Werk – eine Mischung aus Autobiografie und Roman – sehr gut gefallen. Stanišić greift eine Vielzahl von Themen auf, darunter Herkunft, Migration, Krieg, Fremdenfeindlichkeit, seine enge und liebevolle Beziehung zu seiner Großmutter sowie persönliche Erfahrungen des Ankommens und Aufwachsens in einem neuen Land.

Was viele als Stärke empfanden, wurde von einigen allerdings ein wenig kritischer gesehen: Zwei Mitglieder hätten sich gewünscht, dass bestimmte Themen noch vertieft worden wären. Auch der insgesamt positive, stellenweise ironische Ton – der besonders in der Hörversion deutlich wird – wurde diskutiert. Die nicht-chronologische Erzählweise stellte für einige eine Herausforderung dar.

Im Verlauf der Diskussion ergaben sich jedoch mögliche Erklärungen für diese Struktur und den gewählten Ton. Die Sprünge zwischen Erinnerungen an Bosnien – insbesondere an die Großmutter – und Erlebnissen in Deutschland, etwa in der Schule oder mit Freunden und anderen Geflüchteten (mit denen er sich regelmäßig an einer ARAL-Tankstelle traf), können als Spiegel oder sogar als Metapher für die fortschreitende Demenz der Großmutter gelesen werden. Ebenso liegt die Vermutung nahe, dass die fragmentarische Form Stanišićs eigenes Gefühl der Entwurzelung widerspiegelt – das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen und die damit verbundenen inneren Brüche.

Zugleich geht es in Herkunft nicht nur um die Lebensgeschichte des Autors, sondern um eine grundlegende Frage: Was bedeutet Herkunft eigentlich? Ist sie ein geografischer Ort, eine Zeit, die Familie, oder sind es Erwartungen und Zuschreibungen von außen?

Besonders hervorzuheben ist, dass es Stanišić gelingt, weder seine Kriegserfahrungen noch die Diskriminierung von Ausländern zu instrumentalisieren. Er vermeidet Klischees und bewahrt einen bemerkenswerten Optimismus sowie einen feinen Humor – eine Haltung, die auch in Interviews spürbar ist. Vielleicht hat ihm seine Jugend geholfen, die belastenden Erfahrungen zu verarbeiten. Gleichzeitig zeigt das Buch, dass es auch viele unterstützende und positive Begegnungen gab – etwa während der Flucht, in der Schule durch einen engagierten Lehrer oder durch eine Beamtin, die seinen Visaantrag bearbeitete.

Seine kritische Auseinandersetzung mit dem Krieg wurde auch 2019 deutlich, als er bei seiner Dankesrede zur Verleihung des Deutscher Buchpreis 2019 Peter Handke für dessen Haltung im Balkankonflikt kritisierte und ihm vorwarf, Kriegsverbrechen relativiert und die Wirklichkeit so verzerrt zu haben, „dass dort nur noch Lüge entsteht“.

Insgesamt ist Herkunft ein sehr lesenswertes Buch. Wer sich intensiver mit den historischen Hintergründen des Krieges auseinandersetzen möchte, wird im Buch Radio Sarajevo, das wir in einigen Monaten lesen werden, weitere Einblicke finden.

22 Bahnen von Caroline Wahl

Dies ist das erste Buch von Caroline Wahl, das wir gelesen haben, und es hat uns allen ausnahmslos sehr gut gefallen. Der Roman ist leicht zu lesen, und wir haben den klaren und einfühlsamen Schreibstil der Autorin sehr genossen. Wahl verwebt geschickt zwei traurige Erzählstränge miteinander: den Tod eines engen Freundes der Protagonistin Tilda in der Vergangenheit und den Alkoholismus der Mutter. Dennoch wirkt die Handlung nie konstruiert oder überraschend dramatisch – alles entwickelt sich organisch und glaubwürdig.

Besonders berührend ist die liebevolle Beziehung zwischen Tilda und ihrer deutlich jüngeren Halbschwester Ida. Tilda ist Mathematikstudentin, arbeitet nebenbei an der Supermarktkasse und übernimmt praktisch die Rolle einer Ersatzmutter, da die gemeinsame Mutter alkoholkrank ist. Verantwortungsbewusst und fürsorglich versucht Tilda alles, um Ida zu unterstützen und sie behutsam zu mehr Selbstständigkeit zu führen. Gleichzeitig träumt sie von einem freieren und besseren Leben und sorgt sich um ihre eigene Zukunft. Als hervorragende Studentin wird sie von ihrem Professor ermutigt, sich nach ihrem Studienabschluss mit seiner Unterstützung um eine Stelle in Berlin zu bewerben. Doch kann sie ihre Schwester allein bei der Mutter zurücklassen? Angesichts von deren Alkoholismus und wiederholten Selbstmordversuchen erscheint das äußerst riskant und stellt Tilda vor eine schwere Entscheidung.

Der zweite Erzählstrang entwickelt sich im Kern zu einer Liebesgeschichte. Tilda kommt Viktor, dem Bruder ihres bei einem Unfall verstorbenen Freundes, der bei diesem Unglück seine gesamte Familie verloren hat, näher. Beide unterstützen sich gegenseitig dabei, mit ihren schmerzhaften Erfahrungen umzugehen – vorsichtig, respektvoll und liebevoll. Für beide spielt das Schwimmen eine wichtige Rolle: Es hilft ihnen, ihre Enttäuschungen und Trauer zu verarbeiten und wirkt beinahe wie eine Form der Meditation.

Auch diejenigen in unserer Gruppe, die sich für die Hörbuchversion entschieden haben, waren sehr zufrieden. Ein Mitglied hatte im Herbst sogar die Verfilmung des Buches in Deutschland gesehen. Seiner Meinung nach ist das Buch zwar etwas besser als der Film, doch besonders die Szenen im Schwimmbad seien sehr eindrucksvoll umgesetzt worden.

Wir können dieses Buch nur empfehlen. Unser einziger Wunsch war, dass es etwas länger gewesen wäre – wir hätten gerne erfahren, wie die Geschichte weitergeht. Umso mehr hat es uns gefreut, am Ende des Buches in der Leseprobe zu entdecken, durch die klar wird, dass der nächste Roman der Autorin an diese Geschichte anknüpft. Diesen werden wir daher im nächsten Jahr sicher lesen.

Freiheit von Angela Merkel

Mit ihrer Autobiografie „Freiheit“ legt Angela Merkel ein ebenso sachliches wie persönliches Werk vor, das Einblicke in das Leben einer der prägendsten politischen Persönlichkeiten unserer Zeit gewährt. Auch wenn nicht alle Mitglieder jedes Kapitel vollständig gelesen haben, vermittelt das Buch doch einen eindrucksvollen und facettenreichen Eindruck ihrer Lebens- und Denkweise.

Besonders hervorzuheben ist der erste Teil über Merkels Kindheit und Studienzeit in der DDR. Ohne Ausnahme wurde dieser Abschnitt als der stärkste Teil des Buches empfunden. Merkel beschreibt anschaulich ihr Aufwachsen als Pfarrerstochter in einem politisch sensiblen Umfeld und lässt die Leserinnen und Leser an prägenden Erfahrungen teilhaben. Beeindruckend ist dabei ihre Schilderung, wie sie schon früh lernte, zurückhaltend, freundlich und bedacht zu sein – auch, um möglichen Schwierigkeiten mit der Stasi aus dem Weg zu gehen.

Diese frühen Erfahrungen erscheinen als Schlüssel zum Verständnis ihrer späteren politischen Haltung: nüchtern, analytisch, sachorientiert – und bis zu einem gewissen Grad auch vertrauensvoll gegenüber Menschen. Besonders eindrücklich fanden wir diese Aussage über ihre Jugendjahre:

„Ich persönlich war aber nicht dafür geschaffen, tagein, tagaus, morgens bis abends unentwegt darüber nachzudenken, was als Nächstes drohen könnte. Ständig in Alarmstimmung zu sein, hätte ich nicht ertragen, es hätte mich krank gemacht.“

Diese Haltung, die sie selbst als Teil ihrer Persönlichkeit beschreibt, zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch. Sie erklärt nicht nur ihre innere Stabilität, sondern auch ihren politischen Stil.

Der Schreibstil ist durchgehend sachlich, klar und strukturiert – ganz im Sinne ihrer bekannten politischen Sprache. Einige Mitglieder hätten sich allerdings mehr Einblicke in ihr Privat- und Gefühlsleben gewünscht. Persönliche oder emotionale Reflexionen bleiben eher zurückhaltend. Doch gerade diese Zurückhaltung scheint authentisch zu sein und entspricht dem Bild, das man von Merkel kennt.

Besonders eindrucksvoll ist die Schilderung der Zeit unmittelbar nach der Wende. Hier wird deutlich, was Merkel antreibt: Sie setzt sich Ziele, verfolgt sie konsequent und lässt sich nicht von äußeren Umständen entmutigen. Dass sie als Frau und ehemalige Ostdeutsche bis an die Spitze der deutschen Politik gelangte und 16 Jahre Bundeskanzlerin war, erscheint vor diesem Hintergrund umso bemerkenswerter.

Auch in der Beschreibung ihrer Kanzlerschaft zeigt sich ihre charakteristische Nüchternheit. Manche Passagen wirken sind viel zu detailliert und stellenweise etwas langatmig, doch Themen wie die Beziehung zu und Verhandlungen mit Wladimir Putin, die Bewältigung der Corona-Krise oder internationale Verhandlungen zum Klimaschutz sind informativ und aufschlussreich.

Auffällig ist zudem, dass viele öffentliche Rezensionen weniger das Buch selbst als vielmehr Merkels politische Entscheidungen kritisieren. Unabhängig davon, wie man einzelne politische Einstellungen bewertet, lässt sich ihre Integrität schwer bestreiten. Das Buch vermittelt das Bild einer Politikerin, die nach bestem Wissen und Gewissen handelte und stets bemüht war, verantwortungsvoll und menschlich zu entscheiden – Eigenschaften, die im politischen Alltag keineswegs selbstverständlich sind.

„Freiheit“ ist keine emotionale Enthüllungsbiografie, sondern eine reflektierte, sachliche Rückschau auf ein außergewöhnliches politisches Leben. Wer tiefgehende private Einblicke sucht, wird möglicherweise enttäuscht. Wer jedoch verstehen möchte, wie Angela Merkel denkt, entscheidet und handelt, in welchen Situationen sie ihre Fehler einsieht, erhält wertvolle Einsichten in das Selbstverständnis einer Kanzlerin, die deutsche und europäische Geschichte über anderthalb Jahrzehnte maßgeblich geprägt hat.

Zehn Bilder einer Liebe von Hannes Köhler

Nach „Ein mögliches Leben“ war dies das zweite Buch von Hannes Köhler, das wir gelesen haben. Alle waren von Köhlers Schreibstil beeindruckt, und auch das Thema hat – bis auf eine Ausnahme – allen sehr gut gefallen. Es war ein Experiment des Autors, der wissen wollte, ob man eine Liebesgeschichte ohne Kitsch und Klischees erzählen kann. Und unserer Meinung nach ist ihm das ausgezeichnet gelungen.

Die Protagonisten des Romans „Zehn Bilder einer Liebe“, David und Luisa, begegnen sich nach einem ganz kurzen Intermezzo auf Milos – das mit einem Gespräch am Strand und einem Kuss endet – Jahre später zufällig wieder. Dieses Mal bleiben sie zusammen. Mit Ronya, der Tochter der um einige Jahre älteren Luisa, bilden sie eine Patchwork-Familie. David wächst immer mehr in die Vaterrolle hinein und äußert schließlich den Wunsch nach einem eigenen Kind. Doch gerade dieser Kinderwunsch wird zur Zerreißprobe.

Wir erhalten Einblick in die Gedanken und Empfindungen von David und Luisa. Es sind unterschiedliche Perspektiven, jedoch nie über dieselbe Situation – und gerade das hat uns besonders gefallen. Auch in diesem Buch zeigt sich wieder das große Einfühlungsvermögen des Autors, das es ihm ermöglicht, alle Figuren sehr vielschichtig darzustellen. Niemand ist nur gut oder nur schlecht, nichts ist nur schwarz oder weiß. Alle Charaktere sind komplex, menschlich und haben Tiefe.

Das Buch enthält viele eindrucksvolle Passagen, zum Beispiel diese:

„Bedingungslose Liebe. Mutterliebe. Sie glaubt nicht daran. Nicht bei Ronya, nicht bei David. Sie will das nicht. Und sie glaubt nicht, dass das eine schlechte Sache ist. Es ist nicht gesund. Liebe ohne Bedingungen, ohne Grenzen, ist eine Liebe, die auch Gewalt ertragen würde, Lieblosigkeit von der anderen Seite. Scheiß auf Romantik, die düstere, die schwere. Aufgeklärte Liebe, denkt sie, ist keine schwächere Liebe, Liebe, die jeden Tag oder jede Minute aufs Neue entscheidet, dass sie bleibt, ist am Ende viel mehr wert.“

Es hat uns gutgetan, ein solches Buch zu lesen, das trotz aller Herausforderungen ein gutes Ende hat – denn die Zeiten sind schwierig, bei uns in den USA ebenso wie in Europa und vielen anderen Regionen. Wir können das Buch uneingeschränkt empfehlen, und es wird sicherlich nicht das letzte Buch von Köhler sein, das wir gelesen haben.

Verbrechen von Ferdinand von Schirach

In dem Buch „Verbrechen“ erzählt der Autor Ferdinand von Schirach nach eigener Aussage wahre Geschichten. Uns allen hat dieses Werk sehr gefallen, da es einerseits leicht zu lesen ist, andererseits aber eine erstaunliche Tiefe entfaltet. Obwohl der Schreibstil sachlich und nüchtern wirkt, enthalten die Erzählungen zahlreiche Details, die einen emotional berühren, sodass das Leiden vieler Protagonisten geradezu spürbar wird. Besonders fasziniert hat uns jedoch die objektive Herangehensweise des Autors: Er überlässt es dem Leser, am Ende selbst zu entscheiden, wie er den Fall beurteilt – ob seine Sympathie eher dem Angeklagten und dem Opfer gilt, oder ausschließlich dem Opfer oder vielleicht sogar ausschließlich dem Angeklagten.

In der ersten Geschichte „Fähner“, die von einer extrem dysfunktionalen Ehe handelt, lässt Schirach durch seine präzise und zugleich ruhige Erzählweise schon früh die nahezu unausweichliche Konsequenz erahnen. In anderen Geschichten hingegen überrascht er mit unerwarteten Wendungen.

Enttäuschend war für diejenigen, die sich für die Hörbuchversion entschieden hatten, dass darin drei Geschichten ohne jede Erklärung ausgelassen wurden – ein Umstand, der uns erst in der Buchbesprechung auffiel.

Für uns war besonders interessant, dass Ferdinand von Schirach immer wieder kurze, aber dennoch ausreichende Informationen über das deutsche Rechtswesen einfließen lässt – insbesondere zum Ablauf von Prozessen. Darüber haben wir ausführlich diskutiert, denn während die Rechtsquelle im amerikanischen System die Common Laws sind, beruht das deutsche Recht auf einem kodifizierten, gesetzesorientierten System. Zudem gibt es in Deutschland Laienrichter, die sogenannten Schöffen, während ein klassisches Jury-System wie in den USA nicht existiert.

Auch über die einzelnen Geschichten haben wir intensiv debattiert, wobei jeder seine zwei Favoriten nannte. Die meisten Stimmen erhielten „Der Igel“„Der Äthiopier“ und „Glück“. Aber auch „Der Dorn“ und „Tanatas Teeschale“ haben jeweils eine Stimme erhalten.

Wir können dieses Buch uneingeschränkt empfehlen – als Sommerlektüre war es geradezu ideal!

Dschinns by Fatma Aydemir

Wir waren alle begeistert von Fatma Aydemirs Familien- und Gesellschaftsroman Dschinns. Die Migrationsgeschichte überzeugt nicht nur durch die Vielzahl an gesellschaftlich relevanten Themen, sondern auch durch ihre raffinierte Erzählstruktur: Sechs Perspektiven wechseln sich kapitelweise ab. Den Anfang und das Ende bilden die Eltern – Vater und Mutter –, die 1979 aus der Türkei nach Deutschland ausgewandert sind. Dazwischen kommen die vier Kinder zu Wort, deren jeweilige Auseinandersetzung mit Herkunft, Identität und Tradition sehr unterschiedlich ausfällt.

Besonders beeindruckt hat uns die älteste Tochter, die in ihren ersten Lebensjahren bei den Großeltern zurückbleiben musste und nie eine reguläre Schulbildung erhielt. Trotz widriger Umstände lässt sie sich nicht unterkriegen und geht ihren eigenen Weg. Sie erscheint als die stärkste und sympathischste Figur, da sie es schafft, aus dem „kulturellen Gefängnis“ auszubrechen, in dem ihre Mutter ein Leben lang gefangen bleibt.

Der Roman veranschaulicht eindringlich die oft quälende Ohnmacht verschiedener Generationen innerhalb einer unterprivilegierten türkischen Familie in der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Aydemir gewährt tiefe Einblicke in den inneren Konflikt der Kinder, die sich mit ihrer Identität auseinandersetzen müssen – erschwert durch eine familiäre Sprachlosigkeit, in der über Wichtiges oder Schmerzhaftes kaum gesprochen wird. Gleichzeitig sehen sie sich mit Diskriminierung und dem Balanceakt zwischen zwei Kulturen konfrontiert.

Thematisch bietet Dschinns eine beeindruckende Vielfalt: weibliche Selbstermächtigung, Rassismus, Diskriminierung, Klassismus und Sexualität werden sensibel und gekonnt miteinander verwoben. Der Roman ist ein vielschichtiges Porträt einer migrantischen Familie und zugleich ein Spiegel gesellschaftlicher Realitäten.

Auch die Hörbuchfassung wurde von den Zuhörenden sehr geschätzt: Die Leserin verleiht den unterschiedlichen Figuren mit variierenden Stimmen Tiefe und transportiert die Atmosphäre des Romans eindrucksvoll.

Dschinns ist ein eindrucksvolles, vielschichtiges Buch, das wir uneingeschränkt empfehlen können – und wir sind sicher, dass es nicht unser letzter Roman von Fatma Aydemir gewesen ist.

Lichtspiel von Daniel Kehlmann

Wir alle fanden Lichtspiel von Daniel Kehlmann – die Geschichte über den beinahe vergessenen Filmregisseur G. W. Papst, der 1939 aus dem amerikanischen Exil zurückkehrte und sich mit den Nationalsozialisten arrangierte – äußerst spannend und interessant. Die Mehrheit von uns hat das Buch sogar geliebt:). Daniel Kehlmann ist ein Meister der Sprache und des Stils. Er versteht es meisterhaft, den Leser zum Schmunzeln zu bringen, wenn Situationen humorvoll sind, und ihn tief zu berühren, wenn die Szenen herzzerreißend werden. Besonders durch subtile Anmerkungen und scheinbar nebensächliche Situationen gelingt es ihm, die allgegenwärtige Angst im Dritten Reich eindrucksvoll einzufangen.

Das Buch enthält zahlreiche hervorragende Szenen, etwa die Begegnungen mit Joseph Goebbels, dem Propagandaminister, Treffen mit Leni Riefenstahl sowie Gespräche mit Greta Garbo und Louise Brooks. Auch der häufige Wechsel der Perspektiven macht die Erzählung besonders facettenreich.

Die sorgfältige Recherche wird spürbar: Viele Themen werden angesprochen, darunter die Gleichgültigkeit gegenüber NS-Zwangsarbeitern, die systematische Gehirnwäsche von Kindern und Jugendlichen, die alltäglichen Böswilligkeiten sowie die teuflischen Kompromisse, die notwendig waren, um im Hitler-Regime zu überleben.

Um all diese Themen anzusprechen, hat Kehlmann allerdings einige Charaktere frei erfunden. Dadurch fehlte es manchen Figuren an Tiefe – nur der Protagonist erhielt einen tieferen Einblick. Besonders deutlich wird, dass für den Protagonisten Kunst über allem stand, während alles andere nebensächlich war. Ein Satz bringt dies besonders treffend auf den Punkt:

Die Zeiten sind immer seltsam. Kunst ist immer unpassend. Immer unnötig, wenn sie entsteht. Und später, wenn man zurückblickt, ist sie das Einzige, was wichtig war.

In unserer Diskussion wurde auch angemerkt, dass jedes Kapitel wie eine eigenständige Kurzgeschichte wirkte und der Autor am Ende versuchte, alle Erzählstränge zusammenzuführen – was jedoch nicht ganz überzeugend gelang. Dieser Eindruck war besonders deutlich bei der Hörbuchversion spürbar.

Wir empfanden es als wichtig, dieses Buch gelesen zu haben – und gerade jetzt. Denn Lichtspiel regt dazu an, darüber nachzudenken, wie man selbst handeln würde, wenn man in einem solchen politischen System leben müsste oder überleben wollte. Vielleicht war dies der Grund, warum Kehlmann das Buch geschrieben hat – im Hinblick auf die aktuelle politische Situation in vielen Ländern Europas und in den USA.

Die englische Übersetzung wird in wenigen Wochen erscheinen. Vielleicht trägt sie dazu bei, ein tieferes Verständnis für das Grauen zu vermitteln, das hier oft subtil dargestellt wird – für die alltäglichen Bosheiten, denen viele während der NS-Zeit ausgesetzt waren, und für die ständige Angst, mit der so viele Menschen leben mussten. Und vielleicht regt das Buch auch dazu an, darüber nachzudenken, ob nicht ähnliche Mechanismen heute wieder zu erkennen sind.

Zur See von Dörte Hansen

In Dörte Hansens Roman “Zur See” wird das Leben auf einer kleinen Nordseeinsel eindrucksvoll geschildert. Der Schreibstil ist schlicht, zugleich poetisch und voller interessanter Redewendungen – ein wahrer Genuss für den Leser. Durch diese klare und unaufgeregte Sprache werden die Eigenheiten der dort lebenden Einheimischen ebenso wie die der Touristen präzise und nüchtern beschrieben. Da die Figuren kaum sprechen, gibt es nur wenig Dialog – ein Stilmittel, das die Atmosphäre der Insel hervorragend einfängt. 

Obwohl die Handlung keine großen Spannungsbögen aufweist – ein Umstand, der von einem unserer Mitglieder etwas kritisiert wurde –, entfaltet sich dennoch ein tiefer Einblick in die stille, aber kraftvolle Verbindung der Inselbewohner mit ihrer Heimat. Anfänglich mag es den Eindruck erwecken, dass niemand in der Lage ist, seine Gefühle auszudrücken. Doch gerade in dieser Zurückhaltung liegt eine subtile Intensität, die den Leser auf eindringliche Weise berührt.

Die Autorin veranschaulicht den Strukturwandel auf der Insel anhand der alteingesessenen Familie Sanders. Ein intaktes Familienleben gibt es für die Eltern Jens und Hanne sowie ihre drei Kinder Ryckmer, Eske und Henrik schon lange nicht mehr. Jens und Ryckmer fuhren früher, wie viele Generationen vor ihnen, zur See. Doch die traditionellen Seefahrerberufe sterben aus, während der Tourismus als neue Einnahmequelle an Bedeutung gewinnt. Jeder in der Familie geht mit diesem Wandel anders um: Jens zieht sich in die Einsamkeit der Vogelbeobachtung zurück, Hanne flüchtet sich in ständige Betriebsamkeit, und Tochter Eske, die im Seniorenheim Seeleute und Witwen pflegt, empfindet die Touristenströme als größere Bedrohung als das Meer selbst. Für sie ist die Inselkultur längst zu einer bloßen Folklore verkommen. Daher interessiert sie sich – wie auch die Autorin selbst – für sogenannte Nischensprachen, um kulturelle Identität und Vielfalt zu bewahren. Das Traurige daran ist, dass jeder eine Rolle spielt bzw. spielen muss und das wirkt sich langfristig negativ aus.

Wir haben diesen Roman mit Begeisterung gelesen und können ihn uneingeschränkt empfehlen. “Zur See” ist ein tiefgründiges Werk, das zum Nachdenken anregt. Es eröffnet Einblicke in ein Leben, das vielen von uns fremd ist – ein Leben, das von der See geprägt wird, die Menschen anzieht, ihnen aber auch gefährlich werden kann. Besonders beeindruckend ist, wie es der Autorin gelingt, alle Charaktere mit großer Empathie und feiner Beobachtungsgabe darzustellen.