In dem Buch „Verbrechen“ erzählt der Autor Ferdinand von Schirach nach eigener Aussage wahre Geschichten. Uns allen hat dieses Werk sehr gefallen, da es einerseits leicht zu lesen ist, andererseits aber eine erstaunliche Tiefe entfaltet. Obwohl der Schreibstil sachlich und nüchtern wirkt, enthalten die Erzählungen zahlreiche Details, die einen emotional berühren, sodass das Leiden vieler Protagonisten geradezu spürbar wird. Besonders fasziniert hat uns jedoch die objektive Herangehensweise des Autors: Er überlässt es dem Leser, am Ende selbst zu entscheiden, wie er den Fall beurteilt – ob seine Sympathie eher dem Angeklagten und dem Opfer gilt, oder ausschließlich dem Opfer oder vielleicht sogar ausschließlich dem Angeklagten.
In der ersten Geschichte „Fähner“, die von einer extrem dysfunktionalen Ehe handelt, lässt Schirach durch seine präzise und zugleich ruhige Erzählweise schon früh die nahezu unausweichliche Konsequenz erahnen. In anderen Geschichten hingegen überrascht er mit unerwarteten Wendungen.
Enttäuschend war für diejenigen, die sich für die Hörbuchversion entschieden hatten, dass darin drei Geschichten ohne jede Erklärung ausgelassen wurden – ein Umstand, der uns erst in der Buchbesprechung auffiel.
Für uns war besonders interessant, dass Ferdinand von Schirach immer wieder kurze, aber dennoch ausreichende Informationen über das deutsche Rechtswesen einfließen lässt – insbesondere zum Ablauf von Prozessen. Darüber haben wir ausführlich diskutiert, denn während die Rechtsquelle im amerikanischen System die Common Laws sind, beruht das deutsche Recht auf einem kodifizierten, gesetzesorientierten System. Zudem gibt es in Deutschland Laienrichter, die sogenannten Schöffen, während ein klassisches Jury-System wie in den USA nicht existiert.
Auch über die einzelnen Geschichten haben wir intensiv debattiert, wobei jeder seine zwei Favoriten nannte. Die meisten Stimmen erhielten „Der Igel“, „Der Äthiopier“ und „Glück“. Aber auch „Der Dorn“ und „Tanatas Teeschale“ haben jeweils eine Stimme erhalten.
Wir können dieses Buch uneingeschränkt empfehlen – als Sommerlektüre war es geradezu ideal!

