Mit ihrer Autobiografie „Freiheit“ legt Angela Merkel ein ebenso sachliches wie persönliches Werk vor, das Einblicke in das Leben einer der prägendsten politischen Persönlichkeiten unserer Zeit gewährt. Auch wenn nicht alle Mitglieder jedes Kapitel vollständig gelesen haben, vermittelt das Buch doch einen eindrucksvollen und facettenreichen Eindruck ihrer Lebens- und Denkweise.
Besonders hervorzuheben ist der erste Teil über Merkels Kindheit und Studienzeit in der DDR. Ohne Ausnahme wurde dieser Abschnitt als der stärkste Teil des Buches empfunden. Merkel beschreibt anschaulich ihr Aufwachsen als Pfarrerstochter in einem politisch sensiblen Umfeld und lässt die Leserinnen und Leser an prägenden Erfahrungen teilhaben. Beeindruckend ist dabei ihre Schilderung, wie sie schon früh lernte, zurückhaltend, freundlich und bedacht zu sein – auch, um möglichen Schwierigkeiten mit der Stasi aus dem Weg zu gehen.
Diese frühen Erfahrungen erscheinen als Schlüssel zum Verständnis ihrer späteren politischen Haltung: nüchtern, analytisch, sachorientiert – und bis zu einem gewissen Grad auch vertrauensvoll gegenüber Menschen. Besonders eindrücklich fanden wir diese Aussage über ihre Jugendjahre:
„Ich persönlich war aber nicht dafür geschaffen, tagein, tagaus, morgens bis abends unentwegt darüber nachzudenken, was als Nächstes drohen könnte. Ständig in Alarmstimmung zu sein, hätte ich nicht ertragen, es hätte mich krank gemacht.“
Diese Haltung, die sie selbst als Teil ihrer Persönlichkeit beschreibt, zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch. Sie erklärt nicht nur ihre innere Stabilität, sondern auch ihren politischen Stil.
Der Schreibstil ist durchgehend sachlich, klar und strukturiert – ganz im Sinne ihrer bekannten politischen Sprache. Einige Mitglieder hätten sich allerdings mehr Einblicke in ihr Privat- und Gefühlsleben gewünscht. Persönliche oder emotionale Reflexionen bleiben eher zurückhaltend. Doch gerade diese Zurückhaltung scheint authentisch zu sein und entspricht dem Bild, das man von Merkel kennt.
Besonders eindrucksvoll ist die Schilderung der Zeit unmittelbar nach der Wende. Hier wird deutlich, was Merkel antreibt: Sie setzt sich Ziele, verfolgt sie konsequent und lässt sich nicht von äußeren Umständen entmutigen. Dass sie als Frau und ehemalige Ostdeutsche bis an die Spitze der deutschen Politik gelangte und 16 Jahre Bundeskanzlerin war, erscheint vor diesem Hintergrund umso bemerkenswerter.
Auch in der Beschreibung ihrer Kanzlerschaft zeigt sich ihre charakteristische Nüchternheit. Manche Passagen wirken sind viel zu detailliert und stellenweise etwas langatmig, doch Themen wie die Beziehung zu und Verhandlungen mit Wladimir Putin, die Bewältigung der Corona-Krise oder internationale Verhandlungen zum Klimaschutz sind informativ und aufschlussreich.
Auffällig ist zudem, dass viele öffentliche Rezensionen weniger das Buch selbst als vielmehr Merkels politische Entscheidungen kritisieren. Unabhängig davon, wie man einzelne politische Einstellungen bewertet, lässt sich ihre Integrität schwer bestreiten. Das Buch vermittelt das Bild einer Politikerin, die nach bestem Wissen und Gewissen handelte und stets bemüht war, verantwortungsvoll und menschlich zu entscheiden – Eigenschaften, die im politischen Alltag keineswegs selbstverständlich sind.
„Freiheit“ ist keine emotionale Enthüllungsbiografie, sondern eine reflektierte, sachliche Rückschau auf ein außergewöhnliches politisches Leben. Wer tiefgehende private Einblicke sucht, wird möglicherweise enttäuscht. Wer jedoch verstehen möchte, wie Angela Merkel denkt, entscheidet und handelt, in welchen Situationen sie ihre Fehler einsieht, erhält wertvolle Einsichten in das Selbstverständnis einer Kanzlerin, die deutsche und europäische Geschichte über anderthalb Jahrzehnte maßgeblich geprägt hat.

