Kairos von Jenny Erpenbeck

Wir besprechen den ersten Teil dieses Buch am 30. Juni bei Rand und den zweiten Teil am 4. August bei Don.

Deutscher Literaturkreis in Washington DC

Wir besprechen den ersten Teil dieses Buch am 30. Juni bei Rand und den zweiten Teil am 4. August bei Don.
Viele von uns fanden den Gesellschaftsroman über das fiktive Dorf „Unterleuten“ in Brandenburg von Julia Zeh anfangs schwierig zu lesen. Es dauert einige Kapitel, bis man genug über die vielen Charaktere weiß und versteht, was für sie wichtig ist und ob jemand altansässig oder zugezogen ist. Das Buch ist sehr gut geschrieben, und da man nach einigen Kapiteln mit den zahlreichen Protagonisten vertraut ist, liest sich der zweite Teil wesentlich leichter.
Das Dorf scheint zunächst idyllisch, doch als eine Investmentfirma plant, einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft zu errichten, brechen alte Streitigkeiten wieder auf, die lange Zeit unterdrückt wurden. Besonders problematisch ist die Frage, welche zwei Grundstücke und drei Personen für den Windpark in Frage kommen, da derjenige, der den Zuschlag erhält, finanziell ausgesorgt hat. Das Geschehen spielt im Jahr 2010, doch die Zeit vor und nach der Wende, wer davon profitiert hat und wer nicht, sowie die damit verbundenen Gefühle drohen das soziale Gefüge des Dorfes zu sprengen. Der Unterschied zwischen den Einheimischen aus dem Osten und den „Zugereisten“ aus dem Westen, die die ungeschriebenen Regeln des Dorfes nicht beachten, wird eindrucksvoll dargestellt. Es gibt Bewohner aus verschiedenen Schichten: einige sind alt, einige jung, einige wohlhabend, andere leben in Armut.
Der Roman ist in sechs Teile gegliedert, die wiederum in Kapitel unterteilt sind, die die Namen der Figuren tragen, aus deren Perspektive erzählt wird. Der Roman wurde 2018 für das ZDF verfilmt, und es gibt auch eine Hörbuchversion, für die sich einige Mitglieder entschieden haben. Zusätzlich gibt es eine Homepage für Unterleuten mit einem Namensverzeichnis, das wir beim Lesen als sehr hilfreich empfanden und das den Eindruck vermittelt, der Roman sei keine Fiktion.
Am Ende wird klar, dass jeder im Dorf Dinge annimmt, die überhaupt nicht stimmen. Alle glauben, dass sie recht haben, jeder denkt nur an sich und seine eigenen Interessen. Es stellt sich die Frage, ob in der Gegenwart noch eine Moral jenseits des Eigeninteresses existiert. Es ist jedoch erwähnenswert, dass Familienangehörige eine große Rolle bei der Motivation der Figuren spielen.
Wir fanden den Perspektivenwechsel und die Themen interessant, und die Sprache ist wunderbar. Es gibt auch einige spannende Details wie Unfälle, Selbstmorde und Gewaltakte. Und die Geschichte selbst ist ungewöhnlich.

Wir besprechen den ersten Teil des Buches am 14. April bei Jessica und den zweiten Teil a am 19. Mai bei Chris Z.
Uns allen hat das Buch „Jahre mit Martha“ von Martin Kordić sehr gut gefallen; ganz besonders denen, die mit Ludwigshafen und Mannheim oder der kroatischen Kultur vertraut sind. Wir waren vom Schreibstil des Autors begeistert und fanden den Roman stellenweise sehr poetisch. Der Inhalt war bis zu einem gewissen Ausmaß „gleichmäßig“, es gab weder Höhe- noch Tiefpunkte, was Vielen von uns aufgefallen ist.
In dem Roman geht um das Schicksal eines jungen Mannes, dem Sohn kroatischer Einwanderer aus Bosnien, der aufgrund des Jugoslawien-Krieges mit seinen Eltern und beiden Geschwistern nach Deutschland geflohen ist und sich ein besseres Leben in seinem neuen Heimatland aufbauen will. Seine Eltern sind einfache Arbeiter und die Familie lebt in ärmlichen Verhältnissen.
Der Ich-Erzähler Želko nennt sich aufgrund der Vorurteile gegen Immigranten Jimmy und glaubt durch die Beziehungen mit der deutlich älteren Professorin Martha Gruber und seinem Literaturprofessor Alex Donelli auf eine bessere Zukunft hinzuarbeiten. Aber die Beziehungen waren ungleich; er wurde im Grunde genommen kontrolliert und ausgenutzt. Es wurde ihm mit der Zeit immer klarer, dass er ein Außenseiter war, der zwar die gesellschaftlichen Unterschiede wahrnahm, aber diese nie wirklich überwinden konnte. Mit Sex und später auch mit Marihuana versuchte er seinen emotionalen Schmerz zu bewältigen. Der bildungshungrige Protagonist, der seinem Herkunftsmilieu entkommen will, verliert sich bei diesem Prozess dabei immer mehr und wird sich bewusst, wieviel verlustig geht, wenn man sich assimiliert.
Kordić rechnet in diesem Roman mit der deutschen Gesellschaft ab, integriert aber viele interessante Elemente, Zitate, Popkultur-Motive und tiefgreifende Ereignisse, die den Leser zum Nachdenken anregen.
Ein beeindruckender, vielschichtiger Roman, den wir nur empfehlen können.

Wir besprechen dieses Buch am 10. März bei Rozi.
“Alte Sorten” was das zweite Buch von Ewald Arenz, das wir gelesen haben und auch dieses Mal hat es allen sehr gut gefallen (nur ein Mitglied fand es gut und nicht sehr gut:). Wir waren vom Schreibstil begeistert und vor allem die Beschreibung der Beziehungen zwischen den zwei Hauptcharakteren, den sehr unterschiedlichen Frauen Liss und Sally, war wunderschön. Von den ersten Seiten an, als sich die Frauen das erste Mal getroffen haben, bis zum Ende, als sie nicht nur zueinander gefunden, sondern auch sich selbst gefunden hatten, waren wir gefesselt. Übrigens waren viele von uns der Meinung, dass die zweite Hälfte des Buches noch packender war.
Der englische Titel des Buches lautet “Tasting Sunshine”, was uns nicht überrascht hat, denn der Autor hat das Leben auf dem Land mit den unterschiedlichen Aufgaben wie das Bienen zuckern, Kartoffel ernten, oder die Herstellung von Birnenschnaps mit viel Poesie in diese Geschichte über eine gegenseitig heilende Freundschaft integriert. Man konnte die spätsommerliche Stimmung spüren, die Birnen schmecken, das Gras riechen!
Ewald Arenz hat alles Klischeehafte vermieden, obwohl es hier um tiefe menschliche Wunden und Liebe ging. In dem Buch hat auch das Thema Kontrolle eine wichtige Rolle, unter der beide Frauen besonders gelitten hatten und in einer Szene – der Kartoffelernte – wird dargestellt, dass man Menschen auch etwas lehren kann, ohne herrisch oder lieblos zu sein. Die negativen Erfahrungen der beiden Frauen erfährt man durch Rückblenden, die geschickt alle Fäden zusammenführen.
Drei von uns haben sich für die Hörversion entschieden und wurden nicht enttäuscht. Die Stimme der Vorleserin war angenehm und sie hat die Tonlagen zwischen Lisa, Sally und der Erzählerin gut getroffen.
Wir können diesen Roman nur empfehlen und werden sicher wieder ein Buch von Ewald Arenz lesen. Was uns bei beiden Büchern, die wir von ihm gelesen haben, besonders beeindruckt hat is, dass er sehr schwierige Themen einfühlsam behandelt, aber am Ende immer die Hoffnung überwiegt.

Wir besprechen dieses Buch am 4. Februar bei Douglas.
Bella Germania ist eine deutsch-italienische Familiengeschichte in drei Generationen und obwohl das Buch über 700 Seiten hat, haben wir uns entschieden es zu lesen und keiner von uns hat es bereut. Allen, ohne Ausnahme, hat dieser Roman sehr gut gefallen. Er war leicht zu lesen, wir mochten die Charaktere und auch den Schreibstil. Allerdings musste man genau aufpassen, denn die Geschichte fängt mit der Modedesignerin Julia 2014 in München an, die plötzlich von einem Mann kontaktiert wird , der behauptet, dass er ihr Großvater sei. Dann findet sich der Leser im Jahre 1954, wo der junge Vincent von München nach Mailand fährt, um dort für seine Firma zu arbeiten und sich in die junge Giulietta, die aus Sizilien stammt, verliebt. Diese ist jedoch einem anderen versprochen. Aber die Wechsel der Zeiten hat der Autor gut ausgesucht und damit für Spannung gesorgt. Viele von uns konnten das Buch nicht aus der Hand legen, denn man wollte immer wissen, was als Nächstes passiert.
Die Handlung des Buches ist spannend, die Hauptcharaktere sind gut ausgearbeitet, aber auch viele Nebenfiguren sind lebendig und bleiben unvergesslich. Es gibt sehr viele historische und sozio-politische Hintergründe, die eine wichtige Rolle in diesem Roman spielen, was uns sehr fasziniert hat und viele von uns haben zahlreiche Angaben auf dem Internet überprüft und so viel dazu gelernt. Die Deutschen, die Italien als Tourismusdestination lieben, waren den ankommenden italienischen Gastarbeitern in den 1950-er Jahren und auch später weniger freundlich zugeneigt. Man bekommt einen guten Einblick, wie schwierig das Leben für diese Zuwanderer war. Wie wichtig die Familie und Tradition für Italiener ist und wie chauvinistisch die Männer sind wird ebenfalls klar dargestellt.
Wir haben dieses Buch in zwei Teilen gelesen und besprochen und viele Einzelheiten haben uns zum Nachdenken gebracht. Die einzige Kritik war, dass der Schluss ein bisschen überhastet wirkt – als ob der Autor alle Fäden des Romans in nur ein paar Seiten zusammenbringen wollte.
Zwei Mitglieder haben auch die dreiteilige Fernsehserie gesehen und fanden sie gut. Allerdings waren sie der Meinung, dass der Film oberflächlicher als das Buch ist und einige tiefgreifende Einzelheiten bei der Verfilmung verloren gegangen sind.
Wir haben nicht nur das Buch besprochen und Rezensionen gelesen, sondern auch einen langen Artikel über italienische Zuwanderer gelesen. Wir können das Buch nur empfehlen!! Es ist absolut lesenswert und wir sind schon auf das nächste Buch von diesem Autor neugierig.

Wir besprechen den ersten Teil dieses Buches am 12. November bei Susanne.
Wir besprechen den zweiten Teil am 17. Dezember bei Chris M.
In diesem Roman erzählt der Autor, einer der bekanntesten deutschen Entertainer, aus seinem Leben, vor allem aus seiner Kindheit. Einige von uns haben vor einigen Jahren den Film in Washington D.C. gesehen und wollten auch das Buch lesen. Wir wurden nicht enttäuscht. Alle haben das Buch geliebt und besonders begeistert waren diejenigen, die sich für die Hörversion entschieden haben, denn die wurde vom Autor selbst vorgelesen und er verwendete für die Familienmitglieder unterschiedliche Stimmen – höchstwahrscheinlich ahmte er alle nach!
Wir mochten den Schreibstil und Hape Kerkelings Aufrichtigkeit. Wir haben beim Lesen gelächelt, laut gelacht und die meisten auch geweint. Wir bekamen aber nicht nur einen Einblick in Hapes leben, sondern auch in das Leben der älteren Generation und deren Kriegserlebnisse. Besonders schön beschrieben wurden seine Beziehungen zu seinen beiden Großmüttern, die ihm nicht nur sehr viel bedeuteten, sondern ihm auch auf seinem Lebensweg halfen. Die Mutter seiner Mutter, in deren Tante-Emma-Laden er so viele Lebensgeschichten hörte, die er spannend fand, die Mutter seines Vaters, die nach dem Tod seiner Mutter zu ihm gezogen ist.
Indirekt wird klar, dass Philosophie und spirituelle Texte den Autor dabei unterstützt haben, mit dem tragischen Selbstmord seiner Mutter und den damit verbundenen Eindrücken fertig zu werden, was für uns alle vollkommen verständlich ist. Er war ja nur 8 Jahre alt, als das passierte! Dies und seine erfolgreiche Karriere haben ihm wahrscheinlich geholfen, seinem Schicksal zu vertrauen und optimistisch zu bleiben. Aus diesem Grund war es uns unverständlich, in einigen (wenigen) Rezensionen vom Selbstlob des Autors oder überschwänglicher Spiritualität zu lesen. Jeder, der ein schwieriges Schicksal durchgemacht hat und daran gearbeitet hat, damit zu leben und positiv zu bleiben, würde das wahrscheinlich nicht sagen.
Einige haben erwähnt, dass sie das allerletzte Kapitel nicht notwendig fanden und Informationen über den Bruder oder Vater vermissten. Aber es geht in diesem Buch ja darum, wie Hape seine eigene Kindheit aufgrund von Erinnerungen, Geschichten und Eindrücken schildert und was für ihn wichtig war.
Wir können dieses Buch nur empfehlen, vor allem die Hörversion!