Herkunft ist ein Buch von Saša Stanišić, einem deutschsprachigen Autor, der in einem kleinen Ort in Bosnien geboren wurde, als das Land noch Teil Jugoslawiens war. Während des Jugoslawienkrieges floh er 1992 im Alter von 16 Jahren nach Deutschland.
Der Mehrheit von uns hat dieses Werk – eine Mischung aus Autobiografie und Roman – sehr gut gefallen. Stanišić greift eine Vielzahl von Themen auf, darunter Herkunft, Migration, Krieg, Fremdenfeindlichkeit, seine enge und liebevolle Beziehung zu seiner Großmutter sowie persönliche Erfahrungen des Ankommens und Aufwachsens in einem neuen Land.
Was viele als Stärke empfanden, wurde von einigen allerdings ein wenig kritischer gesehen: Zwei Mitglieder hätten sich gewünscht, dass bestimmte Themen noch vertieft worden wären. Auch der insgesamt positive, stellenweise ironische Ton – der besonders in der Hörversion deutlich wird – wurde diskutiert. Die nicht-chronologische Erzählweise stellte für einige eine Herausforderung dar.
Im Verlauf der Diskussion ergaben sich jedoch mögliche Erklärungen für diese Struktur und den gewählten Ton. Die Sprünge zwischen Erinnerungen an Bosnien – insbesondere an die Großmutter – und Erlebnissen in Deutschland, etwa in der Schule oder mit Freunden und anderen Geflüchteten (mit denen er sich regelmäßig an einer ARAL-Tankstelle traf), können als Spiegel oder sogar als Metapher für die fortschreitende Demenz der Großmutter gelesen werden. Ebenso liegt die Vermutung nahe, dass die fragmentarische Form Stanišićs eigenes Gefühl der Entwurzelung widerspiegelt – das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen und die damit verbundenen inneren Brüche.
Zugleich geht es in Herkunft nicht nur um die Lebensgeschichte des Autors, sondern um eine grundlegende Frage: Was bedeutet Herkunft eigentlich? Ist sie ein geografischer Ort, eine Zeit, die Familie, oder sind es Erwartungen und Zuschreibungen von außen?
Besonders hervorzuheben ist, dass es Stanišić gelingt, weder seine Kriegserfahrungen noch die Diskriminierung von Ausländern zu instrumentalisieren. Er vermeidet Klischees und bewahrt einen bemerkenswerten Optimismus sowie einen feinen Humor – eine Haltung, die auch in Interviews spürbar ist. Vielleicht hat ihm seine Jugend geholfen, die belastenden Erfahrungen zu verarbeiten. Gleichzeitig zeigt das Buch, dass es auch viele unterstützende und positive Begegnungen gab – etwa während der Flucht, in der Schule durch einen engagierten Lehrer oder durch eine Beamtin, die seinen Visaantrag bearbeitete.
Seine kritische Auseinandersetzung mit dem Krieg wurde auch 2019 deutlich, als er bei seiner Dankesrede zur Verleihung des Deutscher Buchpreis 2019 Peter Handke für dessen Haltung im Balkankonflikt kritisierte und ihm vorwarf, Kriegsverbrechen relativiert und die Wirklichkeit so verzerrt zu haben, „dass dort nur noch Lüge entsteht“.
Insgesamt ist Herkunft ein sehr lesenswertes Buch. Wer sich intensiver mit den historischen Hintergründen des Krieges auseinandersetzen möchte, wird im Buch Radio Sarajevo, das wir in einigen Monaten lesen werden, weitere Einblicke finden.

