Lazar von Nelio

Wir fanden Nelio Biedermanns Roman Lázár sehr fesselnd und waren besonders von seinem Schreibstil beeindruckt. Die Geschichte zog uns von Anfang an in ihren Bann – man wollte immer weiterlesen und erfahren, wie es mit der Familie und den einzelnen Charakteren weitergeht.

Biedermann ließ sich von der Geschichte seiner eigenen Familie inspirieren, die Figuren sind jedoch weitgehend frei erfunden. Eine Ausnahme bildet die Flucht und Hinrichtung des Priesters Edmund Pontillier, die auf einem tatsächlichen Ereignis beruht. Die Geschichte beginnt um 1900 mit der Geburt von Lajos von Lázár, dem Spross einer ungarischen Adelsfamilie, und begleitet die Familie über mehrere Generationen durch die großen Umbrüche und Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Bis zur kommunistischen Machtübernahme nach dem Zweiten Weltkrieg lebt sie auf ihrem Anwesen, umgeben von einem Wald voller Geheimnisse und dunkler Rätsel. Auch nach der Enteignung bleibt dieser Ort ein zentraler Schauplatz der Familiengeschichte.

Besonders interessant fanden wir, wie die historischen Ereignisse mit der Familiengeschichte verwoben werden. Die Familie Lázár versucht, ihren Besitz, ihre gesellschaftliche Stellung und letztlich auch ihre Identität inmitten ständig wechselnder politischer Verhältnisse zu bewahren. Dabei geht es jedoch nicht nur um den Niedergang einer ungarischen Adelsfamilie. Wichtige Themen sind auch das Trauma, das von einer Generation an die nächste weitergegeben wird, sowie die Bedeutung von Vaterschaft.

Sehr eindrücklich fanden wir die mangelnde Intimität innerhalb der Familie und die Unfähigkeit der Menschen, über die wirklich wichtigen Dinge miteinander zu sprechen. Es gibt unzählige Geheimnisse, vieles wird verschwiegen oder verdrängt – und dieses Schweigen hat Konsequenzen. Auch die Klassenunterschiede vermittelt Biedermann immer wieder sehr geschickt, häufig durch Bilder und Metaphern, ohne sie ausdrücklich erklären zu müssen.

Interessant ist außerdem die Veränderung des Stils im Verlauf des Romans. Der erste Teil hat etwas Märchenhaftes und erinnert stellenweise an den magischen Realismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwindet diese Atmosphäre zunehmend. Die Welt wird nüchterner und härter, und auch der Erzählstil verändert sich. Wir hatten den Eindruck, dass Biedermann diesen Bruch ganz bewusst eingesetzt hat, um die Veränderungen der Zeit widerzuspiegeln. Viele Szenen sind sehr detailliert und anschaulich beschrieben, und es gelingt ihm besonders gut, Stimmungen und Atmosphären einzufangen.

Beeindruckt waren wir auch davon, wie kunstvoll Biedermann Zitate bekannter Schriftsteller und Dichter in den Roman integriert. Überhaupt waren wir manchmal fast erstaunt darüber, wie überzeugend ein noch so junger Autor die psychologischen Feinheiten seiner Figuren darstellen kann.

Unser Eindruck war allerdings, dass ihm die männlichen Charaktere insgesamt etwas besser gelungen sind als die weiblichen. Eine Ausnahme ist vielleicht Eva, die uns besonders gut gefallen hat. Sie ist eine aufmerksame Beobachterin, die über das Leben und die Menschen um sie herum nachdenkt und dadurch eine besondere Tiefe erhält.

Am Ende waren wir uns in einem Punkt alle einig: Wir hätten gerne weitergelesen. Wir fanden es schade, dass die Geschichte mit der Flucht endet, und hätten sehr gerne erfahren, wie sich das Leben der Familie danach weiterentwickelt.

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